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Die Ursonate ist mit ihren vier Sätzen auf den ersten Blick aufgebaut wie eine klassische Sonate und scheint so wie ein Stück ungewöhnlicher Lautdichtung in konventionellem musikalischen Rahmen. Bei näherem Hinsehen wird jedoch deutlich, daß Schwitters an einigen Stellen bewußt und ironisch gegen das Sonatenschema verstößt.
Regelgerecht werden im ersten Satz in schnellem Tempo kontrastierende Themen vorgestellt. Klassischerweise müßte der zweite Satz in getragener Stimmung diese Motive abwägen und variieren. Schwitters aber handelt den zweiten Teil nicht nur ausnehmend kurz ab und verzichtet auf differenzierte Ausformulierungen, er verbietet dem Sprecher auch "sentiment und alles sensible". Während das ausgelassene Scherzo, der dritte Teil, wieder der Verlaufsform der Sonate folgt, bricht der vierte Satz noch zweimal die Regeln. Die Kadenz bietet konventionellerweise Raum zur Improvisation für ein oder mehrere Instrumente. Schwitters jedoch führt das neue Thema "Priimittii" ein und kommentiert, er schreibe eine Art Sicherheitskadenz für den Fall, daß der Vortragende zu fantasielos zum Improvisieren ist. Ein Akt, der die Idee der vorschriftsmäßigen Improvisation ad absurdum führt? oder das eigene Abarbeiten an einer klassischen Struktur selbstironisch reflektiert? Der Schluss erfüllt zweierlei Funktionen. Er verweigert Zusammenführung und Vereinigung der ursprünglich kontrastierenden und widerstreitenden Themen, indem er diese schlicht unter den Tisch fallen läßt und ein ganz neues einführt. Das Ende der Ursonate ist nicht glücklich, sondern schmerzlich. Das Thema des Schlusses besteht aus der wiederholt infragegestellten Behauptung des rückwärtsgelesenen Alphabets ("zätt üpsiilon iks Wee vau uu ..."), das in den fragenden Abschnitten beim "bee" abbricht und nicht mehr bis zum "Aaaaa" vordringt. Dieses Durchbuchstabieren des Alphabets findet nun seine Korrespondenz in der Gliederung der Partitur und ihrer Typografie, wo einzelne Sinnabschnitte mit den Buchstaben A bis Z benannt sind. Ein grafisches System von horizontalen und vertikalen Linien gliedert das sprachliche Material in einzelne Abschnitte. Ein breiter Streifen am rechten Rand leitet durch die Komposition. Außerhalb seines Rahmens markieren schwarze Blöcke den Beginn von Satzteilen; Zahlen, ergänzt um kleine Buchstaben, nummerieren die verschiedenen Lautthemen und lassen schnell Wiederholungen und Variationen erkennen. Innerhalb der Rahmung findet sich jenes Ordnungssystem, das einzelne Abschnitte in eingeklammerten Großbuchstaben von A bis Z bezeichnet. Schwitters hat schon früher in einigen programmatischen Texten einzelne Buchstaben in alphabetischer Reihenfolge grafisch hervorgehoben und so auf den elementaren Charakter nicht nur des Textes, sondern auch des Alphabets als Grundlage unserer Schrift und Sprache aufmerksam gemacht. Die Sonate in Urlauten mit ihrem nach musikalischen Regeln unüblichen Schluß und der organisationslogisch nicht immer konsequenten Struktur ebenfalls auf diese Grundlage: Wie über ein Zeitleiste werden die Laute der Sonate zum Alphabet, zu abendländischer Sprache und Schrift, geführt, um am Ende die Frage nach ihrem Anfang, ihrem Ursprung zu stellen. |
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