Franz Müllers Drahtfrühling
Ein unvollendeter Roman
    Drittes Kapitel
 
 
 
  Merzprosa  
 
  Prosa neuer Sachlichkeit  
 
 
  Nach einem kleinen Erholungsaufenthalt im Kanal wollte Franz Müller sich wieder unter die Menge mischen. Er wußte noch nicht, ob er wieder stehen sollte oder vielleicht gehen. Das war ja einerlei. Wenn er es machte, war es eben anders als andere Menschen es tun, und das mußte ja auffallen. Er entschloß sich zunächst, zu gehen, und zwar aus dem Kanal aufzusteigen. Unter einer breiten, vornehmen Straße fand er auch eine Kanalöffnung offen und eine Leiter führte zur Schneehalde heraus. Franz Müller erklomm diese Leiter so weit, daß sein kleiner Kopf zur Hälfte darüber hinausragte, stand und wartete. Da kam eine ganz in Weiß gekleidete junge Dame nichtsahnend vorbei. Sie war bester Laune und hieß Rosemarie. Als sie nahe an der Kanalöffnung vorbeihüpfte, wäre der Augenblick gekommen, daß ein anderer Mann ihr unter die Röcke geguckt haben würde. Aber Franz Müller tat das nicht, sondern rief aus Leibeskräften: »Huh!« Er hatte nämlich gegenüber den Frauen immer eine höflichere Einstellung gehabt als die anderen.
Die junge, weiß gekleidete Dame zuckte zusammen, schlotterte, schlackerte, wankte und fiel auf die Straße.
Wie ein kanalisierter Blitz zuckte Franz Müller hinauf aus dem Kanalloch, erhob die weiß gekleidete Dame und betrachtete sie. Eine Persönlichkeit wie er würde nie solche Gelegenheit, eine schöne junge Dame zu küssen, benützen, er stand bloß da und betrachtete sie. Die weiß gekleidete junge Dame aber sah in seine Augen, die tief waren wie die Flüssigkeit im Kanal, dann sank sie in seine Arme. Die Arme! Der Arme! Für die Armen! Amen!
Mein verehrtes Publikum kann sich wohl vorstellen, wie ungefähr die weißgekleidete Dame aussah, nachdem Franz Müller seine schwarzen Kanalhände auf ihrem weißen Kleid abdrückte.
Plötzlich erhob er sich und sagte: »Wenn Du jetzt nicht die schönste, die süßeste und dreckigste junge Dame bist, dann will ich von diesem Augenblick an für mein ganzes Leben und die nächsten tausend Jahre lang nicht anders als Abraham Kanalgeruch heißen.« Das Mädchen sah an sich herunter und wagte nicht, ihn so zu titulieren, denn sie war wirklich außerordentlich dreckig geworden. Sie versuchte, wie Mädchen eben so sind, sich in seine Arme zu legen, denn oft zieht die Frauen gerade das Unschöne, das Ekelhafte und Dreckige an. Aber er ließ es nicht mehr zu. »Steh stramm«, sagte er befehlend, und als sie es tat, steckte er ihr einen Knopf ins Ohr, rieb ihr einen Dreckfleck auf die linke Wange und sagte: »Ich ernenne Dich hiermit zu meinem Stellvertreter.«


Quelle:
Kurt Schwitters und Hans Arp. 1919 und um 1923.
Zitiert nach Friedhelm Lach (Hg.): Kurt Schwitters. Das literarische Werk. Bde 1 – 5. DuMont Buchverlag Köln 1974 - 1988. Bd. 2. Köln 1974. S. 29 ff.
 
 
  Franz Müllers Drahtfrühling  
  Ein unvollendeter Roman  
 
 
 
   
 Franz Müllers Drahtfrühling 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13