Franz Müllers Drahtfrühling
Ein unvollendeter Roman
    Erstes Kapitel
Ursachen und Beginn der großen glorreichen Revolution in Revon
 
 
 
  Merzprosa  
 
  Prosa neuer Sachlichkeit  
 
 
  Inzwischen kommt Herr Doktor Leopold Feuerhake vorbei. Herr Dr. Friedrich August Leopold Feuerhake stutzt. Plötzlich sagt Herr Dr. Friedrich August Leopold Kasimir Amadeus Feuerhake zu seiner Frau Gemahlin Frau Doktor Amalie Feuerhake: » Amalie«, sagt plötzlich Herr Dr. Friedrich August Leopold Kasimir Amadeus Gneomar Lutetius Feuerhake zu seiner Gattin, »Amalie, dort ist ein Auflauf!« - »Was für ein Auflauf«, fragt Frau Dr. Amalie ihren Gatten, den Herrn Dr. Friedrich August Leopold Kasimir Amadeus Gneomar Lutetius Obadja Feuerhake. »Ein Menschenauflauf natürlich.« (Revon ohne Rosinen.) Frau Dr. Amalie stutzt nun ebenfalls und zwar in durchaus vornehmer Art und Weise und blickt in der Richtung nach dem Auflauf. Sie nimmt ihr Lornjong vor die Augen und sagt zu ihrem Gatten: »Leopold, erkundige dich doch einmal, was denn hier eigentlich los ist.« Herr Dr. Leopold fragt einen Mann: »Was ist denn hier los?« - »Weiß ich nicht.« - Herr Dr. Leopold fragt weiter: »Was ist denn hier passiert?« - »Da steht ein Mann.« - » Wieso?« - »Da steht ein Mann.« - »Aber da kann doch kein Mann stehen!« - »Jawohl, da steht ein Mann.« - »Aber Mensch, überlegen Sie, wo soll da ein Mann stehn?« - »Jawohl, da steht ein Mann.« - Herr Dr. Leopold bahnt sich einen Weg durch die Menge, er will doch den Mann mal stehen sehn. Frau Dr. Amalie folgt ihm. Tatsächlich, da steht ein Mann. Herr Dr. Friedrich August Leopold Kasimir Amadeus Gneomar Lutetius Feuerhake und seine Gemahlin Frau Dr. Amalie staunen; da steht tatsächlich ein Mann. Tatsächlich, da steht ein Mann. »Ja«, sagt darauf der Dr., »nun erwächst nur die eine, allerdings nicht ganz unwichtige Frage, warum denn der Mann da steht.« Herr Feuerhake ist nämlich von Beruf aus Redakteur und Kritiker. Der fremde Herr Alves Bäsenstiel wird jetzt auf Feuerhake aufmerksam. Er ist im übrigen gerade damit beschäftigt, sich den unauffälligen Namen Meyer beizulegen. »Du hast recht«, sagt darauf Frau Dr. Amalie zu ihrem Gatten, »nun erwächst nur die eine, allerdings nicht ganz unwichtige Frage, warum denn der Mann da steht.« - »Das Einfachste wird sein«, sagt darauf der Dr., »ich frage den Mann selbst.« - »Du hast recht«, sagt darauf Frau Dr. Amalie, »das Einfachste wird sein, du fragst den Mann selbst.« »Darauf sagt der Dr.: »Mein Herr, warum stehen Sie eigentlich da?« Der Mann steht. »Mein Herr, aus welchem Grunde stehen Sie eigentlich da?« Der Mann steht. »Mein Herr, ich frage Sie zum dritten Male, weshalb stehen Sie eigentlich da?« Der Mann steht. »Mensch, sind Sie eigentlich taub?« Der Mann steht. »Antworten Sie!« Der Mann steht. »Herr, ich begreife nicht, was Sie hier eigentlich zu stehen haben.« Herr Dr. Feuerhake ist nämlich von Beruf aus Kritiker. Der Mann steht.
Nun wird es aber Frau Dr. Amalie zuviel. Sie drängt ihren Gatten zur Seite und wendet sich an den Mann mit den Worten: »Mein Gatte fragte Sie wiederholtermaßen, was Sie hier zu stehen haben. Wer sind Sie denn eigentlich? Wer sind Sie denn eigentlich, daß Sie meinem Gatten nicht antworten? Wissen Sie etwa nicht, wen Sie vor sich haben? Mein Gatte ist hochwohlgeboren Herr Doktor Friedrich August Leopold Kasimir Amadeus Gneomar Lutetius Obadja Jona Micha Nahum Habakuk Zephanja Hagai Sacharja Maleachi Feuerhake, Leiter der Zeitung Revon, und dieser Mensch steht da. Antworten sie meinem Gatten, dem Herrn Leiter!« Der Mann steht.


[Fortsetzung auf Seite 3]
 
 
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