Anna Blume
Merzgedicht 1
    Drittes Kapitel
 
 
 
  Merzdichtung  
 
  Konkrete Poesie  
 
 
  Drittes Kapitel
Damals war das Publikum in Schrecken nach allen Seiten auseinandergeflüchtet. Der Mann konnte infolgedessen ungestört fortgehen, und er ging deshalb aus der Stadt hinaus, um einen Müllhaufen zu finden.
Mein verehrtes Publikum wird fragen, weshalb. Aber Sie mögen es mir glauben oder nicht, dieser Mann war verschieden von allen anderen Menschen, und er hatte daher auch eine verschiedene Ernährung. Er nannte das seine Diät. Es wäre daher zunächst nötig, über diese Diät zu reden, die nach dem Manne, den ich Ihnen hiermit als Franz Müller offiziell vorstellen möchte, die Müller- oder Mülldiät genannt wurde. Diese merkwürdige Diät bestand nun darin, daß der von ihr Befallene sich ausschließlich körperlich oder geistig von Müll ernährte, d. h. von Dingen, die andere fortgeworfen hatten, weil sie für sie unbrauchbar waren. Daher war seine eigentliche Heimat der Müllhaufen. Daher war sein Anzug auch etwas eigenartig, tatsächlich ziemlich sehr eigenartig, er war nicht etwa gestopft und geflickt, sondern mit Brettern vernagelt und mit Draht umspannt. Eine wandelnde Merz-Plastik, Kehricht, sich so etwas in die Tat umzusetzen. Franz Müller lechzte das Pergament, den Frühling drahtet Draht Unendlichkeit.
Franz Müller fand einen leckeren Müllhaufen. Die Stadt Revon hatte ausgezeichnete Müllhaufen. Da waren leckere alte Schuhreste, grün durch Schimmel, da war geteerte Dachpappe, lecker als Unterlage für andere Speisen, da war eine vollständige Perücke, der Leim gut aufgeweicht, da waren einzelne Haare, falsche Zähne, schmutzige Säcke, Bindfaden in Rollen, verweste Schweine, Rattenschwänze, Mausefallen usw. usw.
Franz Müller steckte sich zunächst ein ehemaliges Kautschukgebiß in den Mund und zerkaute es mit Wohlbehagen. Darauf zündete er sich eine Schuhsohle als Zigarre an, kaute altes Laub und trank aus einem alten Sieb Jauche, die aus dem Müllhaufen herausgequollen war.
Ein unschuldiger Passant bemerkte und beobachtete ihn und blieb bewußtlos liegen.
Franz Müller achtete nicht weiter auf ihn, sondern ließ ihn einfach liegen.
Statt dessen wanderte er im Sonnenschein über den Müllhaufen, bis er eine Kanalöffnung fand, in die er einstieg. War er doch ein einfacher Frontsoldat gewesen und keinen Komfort gewohnt.
Der Kanal war halb mit einer wohlriechenden Flüssigkeit gefüllt, in der Franz Müller mit Vergnügen wanderte.
Einmal rutschte er aus und wurde vollkommen mit Schokolade überzogen.


[Fortsetzung auf Seite 13]
 
 
  Franz Müllers Drahtfrühling  
  Ein unvollendeter Roman  
 
 
 
   
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