Anna Blume
Merzgedicht 1
    Zweites Kapitel
 
 
 
  Merzdichtung  
 
  Konkrete Poesie  
 
 
  Zweites Kapitel
Die Rede, wie klein sie auch war, dieses mit Ziegenböckchen bespannten buckligen Jünglings hatte den Erfolg gehabt, daß sich das Parlament der Stadt Revon bald füllte. Dieses Parlament war nicht nur zum Sprechen da, wie Sie aus der Wurzel >parler< erkennen, sondern es war ebenfalls zum Lamentieren der Parteien gedacht. Das Wort Parlament war nämlich in Revon aus dem Wort Parteilament verkürzt worden.
Es wimmelte dort von Parteien, die oft nur aus wenigen Mitgliedern bestanden. Sie wählten sich selber, und jeder konnte Mitglied werden. Manche waren Mitglieder aller Parteien, denn wer konnte es wissen, wie die politische Entwicklung sich auswirken würde. Das Parlament ist ebenfalls für jeden Bürger zugänglich, und jeder konnte sprechen und abstimmen.
Da saßen nun nebeneinander Frau Schnee, die manchmal spuckte, Frau Dr. Amalie Feuerhake, die sich schwer aus ihren Ohnmachten und Bauchtritten erholte, Herr Alves Bäsenstiel, eigentlich Hausbesitzer, der keine richtige Richtung in seinen Ansichten hatte außer einem gewissen Glauben an Autorität, Herr Minister Leopold Feuerhake, der gründliche Wissenschaftler, und Herr Wurst, Setzergeselle von Beruf. Minister Feuerhake eröffnete die Sitzung mit den Worten: »Die große Bedeutung der heutigen Sitzung ist die, daß eigentlich keiner weiß, was sie bedeutet.« - »Oho«, sagte Frau Schnee, »natürlich wissen wir. Ich habe mir, ich habe mich, ich habe mich, ich habe mir.« - »Da haste dich aber geschnitten«, unterbrach Herr Wurst.
»Er hat sich«, fuhr Frau Schnee fort, »er hat es ihm, sie haben uns, die können uns, mir kann keiner.« Sie wurde durch ein gewaltiges Bravo-Klatschen der Parkettspucker-Partei unterbrochen. Sehr geschmeichelt fuhr sie darob weiter: »Du, Deiner, Dich Dir, ich Dir Du mir, wir!« Und Frau Amalie Feuerhake sagte: »Das gehört beiläufig nicht hierher.«
Da nun einige behaupteten, es gehörte doch hierher, wurde über diese Frage abgestimmt; die Abstimmung dauerte zwei Stunden und hatte ein glänzendes Resultat: 99,99 % beteiligten sich an der Abstimmung, bei einer Stimmenthaltung, weil nämlich Frau Dr. Amalie beim Liegen auf dem feuchten Grund ihre Stimme verloren hatte. Die Stimmen wurden in einem alten Hut gesammelt und ausgezählt ins Feuer geworfen. Das war nicht dumm, denn auf diese Weise erzielte man vollkommene Einigkeit im Parlament. Stand doch an der Decke der Vers gemalt: »Durch Reden zur Einigkeit!«, welcher dem Parlament stets zum Vorbild diente. An der Wand aber stand der Spruch: »Durch Stimmen zur Übereinstimmung.«



[Fortsetzung auf Seite 11]
 
 
  Franz Müllers Drahtfrühling  
  Ein unvollendeter Roman  
 
 
 
   
 Anna Blume 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13