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Da geschah das Unerhörte. Der Mann wandte den Kopf zur Seite. Schreck wühlte Augenlichter zwischen Eingeweide. Der Polizist lächelte einen lackierten Apfel. Das Publikum war auf das äußerste gespannt, man wartete irrsinnig, was sich ereignen würde. Einige sahen schon wieder den Namen P-R-A mit nur großen Anfangsbuchstaben, nach Muster gefärbt. Ein junger Künstler rief dazwischen: »An sich ist ein Künstler doch etwas Lächerliches, haben Sie nicht auch das Empfinden.« (Spart Licht und Heizung!) Die Letzten von den Zuschauern stellten sich auf die Zehenspitzen. (Die Männer schwindeln ja alle.) Ein Kind wurde zwischen zwei dicken Frauen zerquetscht. (Bin ich nicht ein süßer Fratz?) Man warf die schlappen Überreste des Kindes achtlos unter die Füße. (Das Auge sieht den Himmel offen.) Einige kleinere Leute bemächtigten sich des Leichnams und stellten sich darauf, weil sie doch auch etwas sehen wollten. Frau Dr. Amalie auf der Rasenbank fühlte schmerzhaft, daß sie nicht mehr im Mittelpunkte des lebhaftesten Interesses stünde. (Weißt Du es, Anna, weißt Du es schon, man kann dich auch von hinten lesen, und Du, Du Herrlichste von allen, Du bist von hinten wie von vorne Q-R-S-T-U-V-W-Z.) Warte nur, balde, ruhest Du auch. Dieses Wort »balde« gehört zweifelsohne zu den schönsten Erfindungen der Neuzeit. »Kommen Sie«, sagte der Beamte und hob das linke Bein. Der Mann steht. »Kommen Sie«, sagte der Beamte und hob den rechten Arm. Der Mann steht. »Mein Herr, wenn Sie nicht sofort mitkommen«, der Mann steht, »hole ich Verstärkung.«
Da geschah das Unerhörteste. Langsam und mit der Ruhe einer vollkommenen Maschine ging der Mann, freundlich nach allen Seiten grüßend, aber nicht mit dem Beamten, sondern in entgegengesetzter Richtung. Die Weiber kreischen, die Männer staunen Bäume, die Kinder liefen Schrei. Frau Dr. Amalie fuhl in ihre zweite Ohnmacht, wobei es ihr sehr zustatten kam, daß sie noch auf der Rasenbank ruhte. Der Beamte aber stand, wie der Mann vorher gestanden hatte; und der Mann ging.
In kurzer Zeit bot der Schauplatz der Handlung ganz deutlich das Bild einer gewaltigen Explosion. Wie der Pulverturm platzt durch den zündenden Funken, so liefen die Leute wie von einer plötzlichen Panik ergriffen nach allen Seiten auseinander. Tumult jagte Entsetzen wilde Flucht. Einige stolperten über den Leichnam des zerquetschten Kindes und fielen. Diese Unglücklichen wurden von der rasenden Menge totgetreten. Frau Dr. Amalie bekam bei dieser Gelegenheit einen Fußtritt in die Gegend des Bauches und erwachte infolgedessen relativ schnell aus ihrer zweiten Ohnmacht, um in die dritte zu fallen. Genau wie bei der Explosion einige Grundmauern unverletzt stehenbleiben, so waren hier fünf Menschen stehen geblieben, die Leichen nicht mitgerechnet; auch der Beamte stand und nahm das Protokoll auf.
Er notierte, daß ein Unbekannter, dessen Personalien infolge von Schwerhörigkeit oder Widersetzlichkeit oder aus einem dritten Grunde oder aus einem vierten Grunde leider nachträglich nicht mehr festgestellt werden konnten, welcher auch den umstehenden Anwesenden leider nicht bekannt gewesen wäre, durch ungesetzliches Betragen den Tod von eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs Bürgern und einem Kinde des Freistaates Revon verschuldet habe. Infolgedessen habe sich der unterzeichnete Beamte veranlaßt gesehen, den Mann rechtzeitig festzunehmen. Der Festnahme aber habe dieser sich leider plötzlich und unerwartet durch derartig übereilte Flucht entzogen, daß diese auch behördlicherseits leider nicht mehr verhindert werden konnte, zumal da die Polizei zu jener Zeit und an jenem Orte leider nicht über ausreichende Kräfte verfügt hätte. Leider ereigneten sich dabei oder vielmehr infolgedessen einige höchst bedauerliche Unglücksfälle, und nun folgt die Aufzählung derselben. Die anwesenden Zurückgebliebenen wurden als Zeugen notiert. Alves Bäsenstiel nannte sich bei dieser Gelegenheit Lutetius Hagedorn. Darauf folgt die behördliche Beschlagnahmung der Leichen. Die Leute wurden gestempelt, gewogen, auf Trichinen untersucht und in die Leichenschauhalle gebracht zwecks Feststellung ihrer Personalien, eine der Hauptaufgaben der hiesigen Polizei. Ein mit Ziegenböckchen bespannter buckliger Jüngling aber lief mit einer elektrischen Schelle durch die Straßen von Revon und rief: »Außerordentliche Sitzung des Parlaments, außerordentliche Sitzung des Parlaments, es handelt sich um nichts Geringeres, als um den Ausbruch der großen, glorreichen Revolution.«
[Fortsetzung auf Seite 9] |
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Franz Müllers Drahtfrühling |
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Ein unvollendeter Roman |
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