Anna Blume
Merzgedicht 1
    Eine Anekdote
 
 
 
  Merzdichtung  
 
  Konkrete Poesie  
 
 
  Dresden, im Sommer 1922 - 2 Uhr nachts: Die Straßen sind leer und still. Der Verkehr hat schon längst aufgehört. Die letzte Straßenbahn im Nachtdienst quietscht, auf ihrer letzten Spätrunde zum Depot, in der Stille verdrossen durch die halbdunklen Straßen. Es ist nur ein einzelner Triebwagen, und selbst der ohne Fahrgäste. Der Schaffner ist müde. Er lehnt sich an die Rückwand des hinteren Perrons und notiert die Nummern von den Fahrscheinblöcken in sein Kontrollbuch, aber in Gedanken liegt er schon längst im Bett.
An der Haltestelle beim Zwinger steigen plötzlich sechs "belebte” Fahrgäste ein. "Auch das noch!" seufzt der Schaffner im stillen. Die Fahrgäste sind keine anderen als Kurt Schwitters, Theo und Nell van Doesburg, Raoul Hausmann, Hannah Hoech und Midia Pines, die bekannte Dostolewskij-Rezitatorin. Aber das weiß der Schaffner nicht.
Midia Pines wohnt in Dresden, alle anderen sind Zugereiste. Sie haben in Dresden haltgemacht, auf ihrem "Dada-Feldzug" durch Sachsen und Böhmen nach Prag. Nach vier Jahren Studium an der Akademie in Dresden ist Kurt Schwitters hier noch fast "zu Hause", und darum musste natürlich in Dresden haltgemacht werden. Soeben kommen sie von einer geglückten Dada-Soirée, die sich bis tief in die Nacht gezogen hat und sind noch recht "aufgeräumt". Aber das weiß der Schaffner auch nicht. Er hält seine Fahrgäste für "leicht beschwipst".
"Fahrkarten, bitte!” - "Bitte." - "Bitte." - "Sagen Sie mal, Herr Schaffner, was bedeutet denn eigentlich ,Anna Blume'?" Das war Theo van Doesburg. - ",Anna Blume'? Das weiß ich nicht." - "Aber es steht doch hier." - "Wo?" - "Na, hier!" - "Sehe ich nicht." - "Hier! Sehen Sie doch!" Und tatsächlich, da, mitten auf der Fensterscheibe, klebt ein kleines, weißes Zettelchen, etwa 1 1/2 x 5 cm groß, mit "Anna Blume" darauf in großen, roten Druckbuchstaben! - "Ja, das weiß ich nicht", wiederholt der Schaffner dumm, "wie kommt denn das dahin?" - "Ja, hier steht es doch auch!" sagt da Raoul Hausmann und zeigt dem Schaffner ein zweites, genau gleiches Zettelchen auf der Tür zur vorderen Plattform. - "Und hier auch!" sagt Midja Pines und zeigt auf die Hintertür. Der Schaffner staunt: "Das habe ich noch gar nicht gesehen!" - "Hier auf den Bänken steht es auch überall", meint Kurt Schwitters. - "Und hier sogar an der Deckel" brechen Nell van Doesburg und Hannah Hoech beinahe gleichzeitig aus. Nun ist der Schaffner entsetzt. - "Also, Sie wissen wirklich nicht, was ,Anna Blume' ist!?" fragt Theo van Doesburg wieder, tiefes Mißtrauen in der Stimme. - "Nein, nein! Das sage ich ja!" - "Ja, dann müssen wir hier aussteigen", sagt da Kurt Schwitters ernsthaft.
Langsam quietscht die Straßenbahn weiter dem Depot entgegen. Es wird schon heller. Der Schaffner ist jetzt völlig wach. Überall - überall steht "Anna Blume", in großen, roten Druckbuchstaben! "Na, so was!" Misstrauisch sieht er den seltsamen Fahrgästen nach, die allmählich in der Ferne verschwinden.
"Gut, dass wir hier aussteigen mussten, wir hatten fast keine Klebezettel mehr", sagt Raoul Hausmann noch, und Theo van Doesburg meint, es müssten noch viel, viel mehr gedruckt werden, "denn es gibt immer noch Leute, die die ,Anna Blume' einfach nicht kennen!" - "Aber nicht viele", beruhigt Kurt Schwitters' und im Herbst des gleichen Jah-res kommt schon die dritte Version der "Anna Blume" heraus - die "Memoiren Anna Blumes in Bleie". [Verlag Walter Heinrich, Freiburg 1922].
Es ist übrigens zweifelhaft, ob obige typische Schwitters-Anekdote damit irgend etwas zu tun hatte.


Quelle:
Ernst Schwitters(Hg.): Kurt Schwitters. Anna Blume und ich. Die gesammelten Anna Blume-Texte.
Zitiert nach Gerhard Schaub: Schwitters Anekdoten. Anabas Verlag Frankfurt/ Main 1999. S. 44/ 45
 
 
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