Der Aposs-Verlag
A=aktiv, p= paradox, os=ohne Sentimentalität, s=sensibel
    Das Paradies auf der Wiese
 
 
 
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  Literatur  
 
 
  Kaum aber hatte Ernst das Flugzeug gesehen, als er auch schon einstieg, und ehe er es sich versah, flog das Mückenflugzeug durchs Fenster, und höher und höher, und weg und weg, und Ernst mit und mit. Und er hatte ganz vergessen, sich ein Butterbrot mitzunehmen. Die Kinder aber standen am Fenster und winkten und winkten, und Ernst flog im Flugzeug immer weiter und weiter, erst quer über die Wiese mit den Kuhklacken, bis er im wirklichen Paradiese ankam. Da kam auch schon Onkel Pluvinel und hob ihn aus dem Flugzeuge heraus. Kaum aber war Ernst draußen, da flogen alle Mücken auseinander und im Paradiese umher, und war kein Flugzeug mehr da. Und nun lernte Ernst den wirklichen Geheimrat Ungeflochten kennen. Seine Freude war so groß, daß er die Tränen tapfer hinunterwürgen mußte. Pluvinel stellte vor, indem er sagte: "Lieber Herr Ungeflochten, darf ich Ihnen vielleicht den kleinen Ernst vorstellen?" Und mit einer Handbewegung: "Herr Geheimrat Ungeflochten."

MAN MUSS NÄMLICH IMMER DEN JÜNGEREN DEM ÄLTEREN VORSTELLEN, DEN GERINGEREN DEM VON HÖHEREM RANG, UND WENN EINE DAME DABEI IST, STETS DEN HERRN DER DAME.

So ist es bei uns auf der Erde, und so ist es ERST RECHT oben im Paradiese. Man nennt das Sitte. Nur sind die Sitten oben im Paradiese viel mehr Gewohnheit, als bei uns auf der Erde, und Allgemeingut aller Gebildeten geworden. Sie sind so selbstverständlich, daß es keiner dort mehr falsch macht, denn jeder Lapsus, so nennt man das nämlich im Paradiese, rächt sich dort, und zwar auf dem Fuße. Und Ernst erzählte nun, daß er zu Hause auch ein Paradies hätte, das wäre viel schöner, man ginge nur eben den Feldweg am Hause hinunter, dann stände man vor der Türe des Paradieses. Aber da merkte Ernst schon, daß er einen Lapsus begangen hatte, denn Onkel Ungeflochten wurde sehr ernst und sagte:
"DU LÜGST DAS KANN ICH SEHEN, DU LÜGST!"

"Wieso kannst du das denn sehen?" fragte Ernst ganz schüchtern. "Weil du rauchst. Im Paradiese rauchen nämlich alle Leute, wenn sie lügen." Und das ist wahr. Für jedes Vergehen gibt es im Pardiese eine Strafe, und zwar sofort. Und darum passiert im Paradiese so selten was Böses, weil jedes Böse sich sofort selbst bestraft. Und zwar auf dem Fuße. WIE SCHÖN WÄRE ES DOCH, WENN WIR AUF DER ERDE DOCH AUCH SOLCHE ZUSTÄNDE HÄTTEN.
Und da sagte Ernst: "Wir spielen das ja auch nur. In Wirklichkeit ist es eine häßliche Kuhwiese mit vielen häßlichen Kuhklacken, in die man so leicht hineintreten kann, aber unser Lippizaner Hengst ... ," und da merkte er es selbst schon, daß er rauchte, ich meine unsere Lippizaner Kuh geht Hohe Schule," er rauchte schon wieder, ich meine unsere Lippizaner Kuh, das Biest, die läuft auf einen zu und sagt Muh, wie im spanischen Stierkampf. Das hört sich ganz schrecklich an. Die Mama ist ausgerissen, ich aber ... ," und wie er das sagte, wurde der Rauch so dick, daß er Onkel Ungeflochten überhaupt nicht mehr sehen konnte. Und deshalb erzählte er nicht mehr weiter. Und wie der Rauch sich allmählich gelegt hatte, da stand Hahnemann neben ihm und schüttelte ihm die Hand. Der freute sich mächtig, daß Ernst nun auch im Paradiese war, und fragte, wie er denn hergekommen wäre. "Ganz einfach," sagte Ernst, "die Mücken haben mich hierher getragen," und dabei sah er sich um, ob er wohl nicht wieder rauchte. Aber er rauchte nicht, denn er hatte ja die blanke Wahrheit gesagt. "Und wo sind denn nun die Mücken?" fragte Hahnemann. "Alle zusammen weggeflogen." Aber in dem Moment kamen sie auch schon alle zurück mit ihren leuchtenden Köpfchen und flogen Hahnemann Figuren vor, und alle ergötzten sich. Erst tanzten sie alle Köpfe: Bismarck, Blümner, alle mit
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Und da sagte Herr Geheimrat Ungeflochten: "Gut und schön, ganz possierlich anzusehen, aber keine Hohe Schule, hat mit Kunst so gut wie nichts zu tun." Und er befahl, seine Lippizaner Hengste zu satteln. Da bildeten plötzlich die Mücken die Figur eines edlen Pferdes und vollführten in dieser Gestalt so viele herrliche Kapriolen, daß das ganze Paradies schließlich zusah, Löwen und Elefanten, Nashörner und Gänse, Heuschrecken und Schleierschwänze, Pluvinel und Ungeflochten, und sogar die echten gesattelten Lippizaner Hengste selbst sahen zu und klatschten Beifall.
Und Hahnemann diktierte Onkel Ungeflochten einen langen Brief an seine Mutter, daß es noch nie so zwanglos und nett im Paradiese gewesen wäre, wie heute, und dann forderte er zum Schluß alle Kinder auf, auch hierher ins Paradies zu kommen. Wenigstens die, welche Eier vom Hahnepeter hätten.



[Der zitierte Text gibt nicht die originale Typografie wider. Anm. d. Red.]

Zitiert nach Joachim Schreck (Hg.): Kurt Schwitters. Anna Blume und andere. Literatur und Grafik. Verlag Volk und Welt Berlin 1985. S. 162 ff
 
 
  Die Märchen vom Paradies  
  MERZ 16/ 17  
... das kann ich sehen, Du lügst!
 
 
 
   
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