Der Aposs-Verlag
A=aktiv, p= paradox, os=ohne Sentimentalität, s=sensibel
    Der Paradiesvogel
 
 
 
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  LIEBE, BESTE MAMA! Du denkst gewiß, ich bin fort und denke gar nicht mehr an Dich, aber nein, ich käme sogar ganz gerne zurück, aber das geht nicht, denn ich bin im Paradiese und der Drachen, der mich hergebracht hat, ist doch ins Meer gefallen und Hahnepeter ist auch hier, weil der hierhergehört und der Paradiesvogel, den ich mit Onkel Pluvinel als Brieftaube abgerichtet habe, auch, und Onkel Ungeflochten auch, der so gut schreiben kann, wie du aus diesem Briefe siehst. Soeben spielt die Paradiesar Kurkapelle das Weserlied von Onkel Richard Wagner: "HIER HAB ICH SO MANCHES LIEBE MAL MIT MEINER LAUTE GESESSEN", und ich denke, daß dies hier Helgoland wäre. Aber im Paradiese ist das ganz anders, WENN DU ERST EINMAL DRIN BIST. KANNST DU SOBALD NICHT WIEDER HERAUS. Onkel Pluvinel sagt, eins könnte man nur: ENTWEDER ZU HAUSE SEIN ODER IM PARADIESE. Nun schreib Du mir auch bald, weil ich nicht zurück kann, und steck den Brief auch nicht in den Briefkasten, sondern gib ihn dem Paradiesvogel mit, weil wir hier keine Briefboten noch nicht haben. Und nun habe ich nur noch einen großen, großen Wunsch, nämlich, daß es Dir gut geht. Nun Schluß und Gruß und Kuß Dein HAHNEMANN.
Die Mutter saß gerade in der Küche und putzte Steckrüben, als es ans Fenster klopfte, und der Paradiesvogel draußen war. Nein, diese Überraschungl Die Mutter kam von einem Schreck in den anderen. Erst erkannte sie den Paradiesvogel wieder. Dann sah sie plötzlich den dicken Brief, und als sie ihn las, wie freute sie sich da, daß er von ihrem lieben kleinen Hahnemann war. Nein, diese Überraschungl Die Muster weinte richtig vor Freude und Leid, sie wußte es gar nicht weshalb alles, und schließlich wurde sie ganz schrecklich traurig, weil sie doch gar nicht zu Hahnemann konnte, als sie es las, daß Onkel Pluvinel gesagt hätte: EINERWÄRTS KANN DER MENSCH NUR SEIN, ENTWEDER ZU HAUSE ODER IM PARADIESE!" Denn selbst wenn sie den Weg gewußt hätte, so hätte sie doch das gute Väterchen nicht verlassen können. Aber sie tröstete sich doch, daß Hahnemann noch lebte und es so gut hatte im Paradiese bei Onkel Ungeflochten und Onkel Pluvinel, und schrieb ihm einen langen Brief, den der Paradiesvogel ihm brachte, in dem unter anderem stand, daß er sich auch im Paradies immer schön die Hände vor dem Essen waschen sollte und nicht vergessen dürfte bei schlechten Wetter den Mantel und die Gummischuhe anzuziehen.
Und nun flog der Paradiesvogel alle acht Tage hin und her und brachte Briefe hin und her. UND HAHNEMANN LERNTE INZWISCHEN DAS REITEN.


[Der zitierte Text gibt nicht die originale Typografie wider. Anm. d. Red.]


Zitiert nach Joachim Schreck (Hg.): Kurt Schwitters. Anna Blume und andere. Literatur und Grafik. Verlag Volk und Welt Berlin 1985. S. 162 ff
 
 
  Die Märchen vom Paradies  
  MERZ 16/ 17  
 
 
 
   
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