Prosa neuer Sachlichkeit
Konventionell erzählte Merzwelten
    Die Straße von Messina
 
 
 
  Franz Müllers Drahtfrühling  
 
  Märchen  
 
 
  Die Straße von Messina
Am meisten fiel mir auf, daß man eigentlich nicht recht von Pflasterung bei der Straße des Bürgermeisters von Messina reden kann. Aber statt dessen war sie mit Wellen wie gepflastert. Da gab es kleine und große Wellen ohne den Wellenmittelstand. Darüberhinweg gleitet das wanzenförmige Schiff. Das Schiff hat die Güterteile unseres Eisenbahnzuges verschluckt, man nennt das Trajekt. Messina baut sich auf und wieder ab, und der Ätna schlingert und schlingert, so daß manche von uns seekrank werden. Der Ätna ist grau, und manche von uns haben das graue Elend. Ich bin heute straßenfest, obgleich die Straße des Bürgermeisters von Messina weniger kapitalfest ist als das offene Meer zwischen Neapel und Palermo. Das Gepolter rührt mich nicht. Schlecht gepflastert, ruhig schlingern lassen. Da braucht man nicht mit zu schlingern. Die Sonne merkt auch, daß hier was los ist, denn sie geht nicht bloß unter, sie fällt hinter die Berge, schließt die echte Bergkette mit schwarzen Wolken ein, faßt Meer und Wolken mit Messina durch Strahlenbündel zusammen, überhaupt ist sie recht nett heute. Nur schlingert der ganze Himmel, die Wolken schlingern, obgleich die Wellenpflasterung en miniature ist. Man spricht von Dünung. Die Dünung macht das Schlingern. Die Landstraßen haben Dünung, die Wasserstraßen haben Dünung, wir haben Dünung, der Ätna hat Dünung. Und alles, alles schlingert. Und jeder Gegenstand hat einen starken Eigengeruch. Und der Magen ist wie ein altes Scheuertuch. Jeder zahlt so gut er kann der Dünung seinen Tribut. Ein armes keines italienisches Mädchen sieht voll Hin-gebung auf die Dünung. Aber sie zahlt keinen Tribut. Und so bricht der Abend herein. Er bricht direkt auf die Pflasterung los. Lange Reihen von Lichtern erhellen sich an den Häuser-fronten, winzig klein. Wir schleppen unsere Koffer hin und her, quer über den Bahnhof, zurück, dreimal um das Gebäude herum, stemmen sie je 20 mal hoch mit Kniebeuge, wieder zum Schiff, zur Bahn, zum Schiff, Bahn, Schiff, Bahn, an vielen, vielen Bahnhöfen vorbei. Berge Messina Apfelsinen blaut rollen unter über Steine Wellen, und Korr Reggio speist die Opfernden mit einem Abendessen. Die Mädchen der Straße von Messina haben wir nicht gesehen. Aber man hat heute ein Attentat auf seine Majestät, den Herrn König Victor Emmanuel, in Mailand gemacht, welches hierzustraße schon bekannt ist. 15 Menschen tot, der Rest war Invaliden. Reggio demonstriert. Der König hat Glück gehabt. 7 Minuten zu früh gekommen. 7 Minuten zu früh gekommen. O Mussolini, wer hätte das gedacht?


Quelle:
Kurt Schwitters.
Zitiert nach Friedhelm Lach (Hg.): Kurt Schwitters. Das literarische Werk. Bde 1 – 5. DuMont Buchverlag Köln 1974 – 1988.
Bd. 5. Köln 1981. S. 298
 
 
  Betrachtungen  
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