|
|||||||||||||||||
|
|
||||||||||||||||
| Radio
(Eine Anregung, den Radioapparat produktiv auszunutzen) (Diese Abhandlung wurde geschrieben im Jahre 1934 von Herrn N. N., und wir geben sie an dieser Stelle schon jetzt unter Vorbehalt bekannt.) Es wurde bekannt, daß der stärkste Mann von der Welt in Radio hinein funken sollte. Bereits acht Tage vorher war kein Empfangsapparat mehr zu haben, da ein außergewöhnlich großes Interesse für seinen Vortrag herrschte. Auf der Straße sah man eilig und geschäftig die jungen Mädchen auf und ab gehen, und es verkehrten Zwischenhändler und hausierten mit Empfangsapparaten zu Fantasiepreisen. Ich sah selbst ein ärmliches älteres junges Mädchen verzweifelt auf und ab laufen. Sie bat jeden um ein Almosen, damit auch sie sich einen Empfänger leisten könnte, wenn auch nur für fünf Minuten. Und nun kam die Stunde heran, die große Stunde, in der der stärkste Mann von der Welt laut Plakaten in Radio hinein funken sollte. Ich wollte abends in ein Kino gehen und suchte mir zur Begleitung ein junges Mädchen. Aber es war geradezu wie verhext. Sah ich wirklich mal eine, so redeten gleich zehn Herren sie an, und sie sagte bloß: »Mir ist heute so nach Tamerlan zu Mut, ein kleines bißchen Tamerlan, ja Tamerlan wär gut.« Oder sie sagte: »Gehnse weg, gehnse weg, s' hat ja doch keinen Zweck«, weil nämlich der stärkste Mann von der Welt heute um neun Uhr in Radio hinein funken wollte. Und zu der Zeit, als der stärkste Mann von der Welt in Radio hinein funkte, war es unheimlich still. Kurz darauf sah ich auf der Straße die schönsten Reigen von Frauen, Jungfrauen und Großmüttern alle wie zum Hochzeitsmahle geschmückt, wie wenn sie von einem köstlichen Hochzeitsmahle aufgestan-den wären. Es herrschte ein Jubel überall, ein Jubel sondergleichen, stiller, in sich gekehrter Jubel, wie in einer lauen Mainacht. Übrigens wurden die gleichen Erscheinungen von allen bekannten Reportern der ganzen Erde und von allen be-kannten Orten gemeldet, von Chicago bis Peking, vom Nordpol bis Kapland und von der Maas bis an die Memel. Am nächsten Tage ging nun die Nachricht durch die Presse, der Athlet, Herr Soundso, habe an jenem Abend nicht in Radio gefunkt, weil er plötzlich unpäßlich geworden wäre. An seiner Stelle habe sein Bruder, der bekannte Liliputaner, Herr Sowieso, in Radio gefunkt. Das war eine entsetzliche Enttäuschung. Da blieb kein Auge tränenleer. Es war einfach entsetzlich. Alle Frauen aller Länder schluchzten herzzerreißend. Aber was half alles Verwünschen und Haareraufen angesichts der nackten Tatsache, daß anstelle des stärksten Mannes sein Bruder gefunkt hatte. Was half es auch, daß angekündigt wurde, der stärkste Mann der Welt würde morgen in Radio hinein funken, denn es war kein Bedürfnis mehr vorhanden. Übrigens kam es auch nicht mehr dazu, denn noch an jenem Tage selbst wurde der stärkste Mann der Welt von einer Sufragette getötet. Ein kurzes Aufatmen der Genugtuung folgte der ersten Wut der Enttäuschung. Und nun folgten neun Monate voll Kummer und Sorge über die ganze Welt. Als nun die neun Monate um waren, kam ein schrecklicher Tag. Ich wollte gerade wieder ins Kino gehen und mir zur Gesellschaft ein Mädchen mitnehmen. Es gab nur Kinder und ganz kleine Mädchen. Und die späte Abendstunde war von Schmerzen so erfüllt, daß man an jenem Abend vor Nebengeräuschen nirgends auf der ganzen Welt Radio empfangen konnte. Und so ging im allgemeinen Stöhnen und Geschrei eine herrliche Predigt des Pastors Animus verloren über die Verbreitung der Geschlechtskrankheiten, die an jenem Abend durch Radio verbreitet werden sollten. Ich wußte zuerst nicht, was los war, da man keine Plakate gemacht hatte außer der Ankündigung der Predigt Animussens. In der Zeitung aber las ich Meldungen von überall her, daß es für die Frauen eine schwere Nacht werden würde. Und am anderen Morgen: Diese Geburtsanzeigen! Genau wie zu Ostern die Verlobungen. So etwas hatte die Welt noch nicht gesehen. ich kannte keine Frau, kein junges oder älteres Mädchen, die nicht in jener Nacht genau um neun Uhr einen strammen kleinen Zwerg geboren hätte. Es war eben deutsche Präzisionsarbeit. Sonderbar, alles Zwerge, und alles Zwerge, und alle Frauen waren mittels elektrischer Wellenübertragung von Störchen ins Bein gebissen worden. Am nächsten Tag stand ein Dementi im Blatt: Der Bericht, daß seinerzeit der stärkste Mann unpäßlich gewesen sei, sei eine Falschmeldung gewesen. der stärkste Mann hätte auf diese einfache Weise gehofft, noch einmal Publikum für seinen Vortrag zu bekommen. Aber nun war es zu spät, und es half nichts mehr; die Kinder waren alle Zwerge geworden und blieben es auch. Was doch die liebe Einbildung macht! Druckfehler: es muß natürlich >sollte< heißen. Quelle: Kurt Schwitters. 1934 Zitiert nach Friedhelm Lach (Hg.): Kurt Schwitters. Das literarische Werk. Bde 1 – 5. DuMont Buchverlag Köln 1974 – 1988. Bd. 3. Köln 1975. S. 39 |
|
||||||||||||||||
|
|||||||||||||||||