Prosa neuer Sachlichkeit
Konventionell erzählte Merzwelten
    Besuch auf Hjertøya
 
 
 
  Franz Müllers Drahtfrühling  
 
  Märchen  
 
 
  Der Winter war vorbei, und Mor erzählte Bittebarn, wie schön das war auf Hjertöya, besonders jetzt im Frühling. »Was ist das, Hjertöya?« fragte Bittebarn. »Hjertöya ist eine kleine Insel, mitten im Fjord«, antwortete Mor.
Da wollte natürlich Bittebarn gleich hinfahren, und holte zu diesem Zweck ihre Lieblingspuppe Agnes aus dem Kinderzimmer, putzte sie und erzählte ihr, wie schön das war auf Hjertöya. »Was is das, Hjertöya?« fragte das Puppenkind. »Das weißt du nicht?« antwortete Bittebarn, »das ist doch eine Insel, wo ein König wohnt.«
Nun faßte Bittebarn Mor schön an die Hand, damit Mor nicht unter die Wagen kam, und sie gingen zum großen Kai. Da mußten sie über die Straße mit den vielen Autos, und Mor sagte, daß man erst nach beiden Seiten sehen muß, und dann geht man langsam und vorsichtig über die Straße. Bittebarn sah nach beiden Seiten, und da kam wirklich ein Auto. Und wer war darin? Far.
Far wollte natürlich sofort auch mit nach Hjertöya, stellte sein Auto auf einen Parkplatz und begleitete Mor und Bittebarn zu der breiten Brücke am Kai. Und da kam auch schon Herr Hoel mit seinem Motorboot, und alle stiegen nun ein.
Als sie am kleinen Kai von Hjertöya ankamen, warteten da 4 entzückende kleine Hunde, alle Hjertörasse, und bellten, und Vamos, der Kleinste, saß schön und klappte mit den Füßen. Bittebarn hatte in ihrem Leben noch nicht einen so reizenden Hund gesehen wie Vamos.
Mor sagte, Bittebarn sollte ja recht vorsichtig aussteigen, weil doch die Treppe von den Algen glatt ist, und da half ihr Far, weil er immer so nett ist. Und dann half Far auch Mor beim Aussteigen, weil er doch Kavalier ist.
Da lief Bittebarn schon voraus zu dem Bauernhaus, mit dem großen Hühnerhof. Denn Frau Hoel hat einen richtigen Hühnerhof. Da waren Hühner, natürlich auch ein Hahn dabei, Truthühner und Gänse, alles liebe Tiere. Nur vor dem Gänserich hatte Bittebarn etwas Angst. Aber als Frau Hoel sie alle fütterte, da war das wundervoll anzusehen.
Nun zeigte Mor Bittebarn, wie schön die Obstbäume blühten, und dabei lag hinten auf den Bergen noch so viel Schnee. Da wollte Bittebarn ihr Blumen abpflücken, aber Mor sagte, Obstblüten dürfte sie nie abpflücken, weil aus jeder Blüte ein Apfel werden kann.
Da wollte Frau Hoel gern Bittebarn ihre Kühe zeigen. Da gingen sie mit zwei großen Eimern nach oben auf die Bergwiese, wo Frau Hoel die Kühe melkte.
Am liebsten war die schwarze Kuh, aber der Bulle schien Bittebarn nicht unge-fährlich zu sein. Darum nahm Far einen Stock.
Als sie zurückgingen, trafen sie Onkel Kurt, den Kunstmaler, der gerade die blühenden Obstbäume und die Schneeberge im Hintergrunde malte. Aber das sah ja auch zu schön aus. Als aber Bittebarn kam, hörte Onkel Kurt sofort mit Malen auf und ging mit. Zuerst begrüßte er Mor mit einer Verbeugung.
Als sie zum Hofe zurückkamen, kam da von der einen Seite eine entzückende
Truthenne mit Kücken an, und von der anderen Seite Tante Helma, Onkel
Kurts Frau. Bittebarn lief natürlich sofort zu den Kücken, während Mor Tante
Helma begrüßte. Und Far nahm sogar seinen Hut ab.
Jetzt kam Herr Hoel. Er hatte inzwischen gefischt und viele seltsame Fische gefangen. Bittebarn hatte noch nie im Leben ein so großes Maul gesehen, wie es der eine Fisch hatte. Und mindestens tausend Zähne waren darin. Jetzt kam natürlich auch Angel, der Kater, und wollte Fisch fressen.
Und da hinten am Ufer standen so große weiße Vögel mit einem langen Schnabel. »Was sind das für Vögel, und was wollen die?« fragte Bittebarn. Da sagte Herr Hoel: »Das sind Fischreiher, die holen Fische aus dem Meere.« »Genau wie du!« sagte da Bittebarn.
Inzwischen hatte Tante Helma auf der kleinen Veranda das Frühstück zurechtgemacht, und Bittebarn trank ein Glas Milch, die Frau Hoel vorhin gemolken hatte. Darum schmeckte die so besonders gut. Und hinterher rauchte Far eine Zigarette, die er selbst mitgebracht hatte, weil Onkel Kurt nicht raucht.
Nun schlug Onkel Kurt vor, in seinem Boote nach einer anderen Insel zu fahren, wo die Möven ihre Eier legen. Da waren sehr viele Möven, und sie schrieen ganz fürchterlich, weil sie fürchteten, daß Bittebarn ihnen ihre Eier nehmen wollte. Aber Onkel Kurt sagte: »Das darf man nicht, weil hier die Möven geschützt sind. Dieses ist Naturschutzgebiet.«
Und die Sonne schien so wunderschön, daß es Bittebarn gesagt hatte, es wohnte ein kleiner König auf Hjertöya. »Nun werden wir auch gleich den König sehen, Agnes«, sagte sie zu ihrer Puppe. Da sagte Tante Helma: »Der König wohnt in Oslo, das ist weit von hier, auf unserer Insel aber ist König, wer will.« Da wollte Bittebarn gleich König sein, und alle nannten sie: >Majestät<, und machten sehr tiefe Verbeugungen.
Aber das war doch langweilig, denn es muß schrecklich langweilig sein, immer >Majestät< genannt zu werden. Darum zeigte Bittebarn ihrer Puppe auf einer Insel, an der sie eben vorbeiruderten, eine ganze Herde Schafe. Das war prächtig anzusehen.
Nun fragte sie, ob denn keine Schweine da wären, und Far sagte, die wären im Stall. Darum ging Bittebarn mit Far in den Stall, denn sie wollte die reizenden Grunzschweine so gern sehen und hören. Und wirklich grunzten alle. Da war eine Sau mit mindestens hundert Ferkeln.
Nun war es schon spät geworden, und Bittebarn fuhr mit Far und Mor wieder nach Hause, in Hoels Motorboot. Zu Hause aber erzählte sie alles ihren anderen Puppen, die das nicht hatten miterleben können, weil sie noch zu klein waren.



Quelle:
Kurt Schwitters. 1930 - 1940
Zitiert nach Friedhelm Lach (Hg.): Kurt Schwitters. Das literarische Werk. Bde 1 – 5. DuMont Buchverlag Köln 1974 – 1988. Bd. 3. Köln 1975. S. 230
 
 
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