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| Liebe Miss Dreier!
[...] Ich habe Ihnen in der ganzen Zeit vorher nie über das Buch mit der Sonate geschrieben. [...] Ich hoffe, dass Sie zu mit das nötige Vertrauen haben, und dass die Absage Lissitzkis nicht zum Scheitern des ganzen Buches führt. Und ich mache Ihnen Vorschläge, die die Arbeit sehr vereinfachen und die Kosten sehr vermindern würden. Jetzt sende ich Ihnen nur den Text. Er ist nicht sauber getippt, aber das schadet ja nichts. Von typographischer Gestaltung ist noch keine Rede, aber es ist ein System drin, das schon ganz gut aussieht. Legen Sie bitte die Seiten so auf den Fussboden, dass immer 4 folgende unter einander liegen, dann sieht das ganze schon etwas nach Komposition aus. Das liegt aber jetzt nur an der Dichtung selbst und daran, dass es systematisch geordnet ist. Die ganze Sonate ist aufgebaut aus nur 19 verschiedenen Melodien. Ich habe am Rande die einzelnen Melodien durch rote Zahlen gekennzeichnet. Immer wieder werden die Melodien abgeändert, wiederholt, so dass die Länge des Ganzen 55 Minuten beträgt. Den Aufbau in die Hauptteile sehen Sie auch am Rande durch waagerechte rote Striche. Die ganze Sonate ist zur Orientierung in 26 Parcellen geteilt, die durch die Buchstaben A bis Z gekennzeichnet sind. Wenn Sie die Numerierung am Rande betrachten, so können Sie leicht die Komposition in gedrängt und weit oder in einfach und kompliziert sinnfällig sehen. Es war mir selbst eine freudige Überraschung, als ich es sah, dass die Sonate sehr geordnet ist, denn bislang konnte ich es nur hören, weil ich alles auswendig gedichtet habe. Ich bin der Ansicht, dass die Sonate nun gedruckt werden muss, denn sie ist etwas ganz Ungewöhnliches geworden, dabei aber allgemein verständlich. Es ist nur wichtig, dass der Druck vorbildlich wird, dass er sehr durchdacht und gut wird. Bitte schreiben Sie mir, ob es in Betracht kommt, dass es durch Sie in Amerika gedruckt wird, und ob es Ihnen gleichgültig ist, wenn ich eventuell Teile in Zeitschriften schon vorher veröffentliche. Und wann wäre es möglich, mit dem Druck in Amerika zu beginnen. Dieses ist also nur das Manuskript. Ich bin jetzt dabei, die Gestaltung im Grossen vorzunehmen, ich werde Ihnen dann so bald als möglich eine Skizze senden. Nach dieser Skizze und dem Manuskript kann der Satz unter Ihrer Leitung in Amerika gemacht werden. Ich muss dann die Korrektur noch sehen, wenn es schlecht geht, vielleicht 2mal, dann kann alles in Amerika gedruckt werden, und fertig. Es ist so viel einfacher und wird sicher einheitlicher, als wenn 3 Leute daran arbeiten. Ich habe noch vergessen, dass ich eine ausführliche Erklärung über die Schreibweise dem Hefte beigeben muss. Ich sende Ihnen eine Skizze dieser Erklärung mit, die ich noch durcharbeiten will. Denn es soll in jeder Hinsicht ein Typ geschaffen werden, nach dem jeder derartige Sonaten schreiben kann, wenn er will. Denn meine Sonate ist nicht etwa etwas Alleinstehendes. Hausmann, Tzara und andere haben kurze Gedichte in ähnlicher Art geschaffen. Ich selbst arbeite schon lange an einer neuen Lautdichtung, die aber nicht die strenge Sonatenform erhalten soll. Ich denke, das Buch wird ein Stück Forscherarbeit und daher ganz wichtig. [...] Das Buch muss übrigens in 2 Farben gedruckt werden. Ich dachte, rot und schwarz. Das zu lesende Manuskript wird schwarz, die der Deutlichkeit dienenden Bezeichnungen rot. Man kann dann noch ein rötliches Band unter den Text drucken, da wir ja mit Lithographie arbeiten. Ich deute es an auf den Seiten 10 und 8. Es soll dieses erst nur eine Anregung sein, und ob es so bleibt, weiss ich noch nicht. Aber es ist die Idee, dass ein filmartiger Streifen das Fortlaufende der Zeit betonen soll. Bitte schreiben Sie mir bald, ob es bei Ihnen wird, und welches Format und welchen Umfang das Buch erhalten soll, damit ich danach die Einteilung vornehmen kann. Sollen wir auch irgend welche Anzeigenseiten, etwa für meine Ausstellung, die Société anonyme oder Merzverlag hineinnehmen? Ich werde erst einmal ohne Rücksicht auf Seitenzahl die typographische Ausgestaltung des Textes vornehmen. Es wäre auch zu überlegen, ob man nicht ein Mappenwerk macht, in dem die Sonate in einzelnen Kartons, einseitig bedruckt, liegt. Das hätte den Vorteil, dass jeder dann leicht die einzelnen Teile zum Vergleich neben einander legen könnte. Und der Vergleich ist hier das Wichtigste, denn man kommt erst zum vollen Genuss des Ganzen, wenn man im Geiste die Beziehungen aller Teile vornehmen kann. So, nun ist genug von der Sonate. Ich hoffe, Sie werden sich mit Frl. Belsterly die Zeit nehmen, alles einmal gründlich nachzuprü-fen. Die Sonate ist meine umfassendste und wichtigste dichterische Arbeit. [...] Mit den allerherzlichsten Grüssen, Ihr Kurt Schwitters. Zitiert nach Ernst Nündel (Hg.): Wir spielen bis uns der Tod abholt. Briefe aus fünf Jahrzehnten. Ullstein Frankfurt/ Main; Berlin 1986. S. 102 - 110 |
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