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| Schacko - Jacco
Sie werden sicher denken: »Son nackiges Tierche«, isser auch. Der hat sich nämlich alle Federn ausgerissen. Weil unser Vater doch so hat leiden müssen, ehr daß der starb; und da hat der abends immer Licht angehabt, weil der nicht hat schlafen können; und da hat dann das Tierche auch nicht schlafen können, weil der immer Licht angehabt hat, son armes Tierche; und da hat der sich aus Kummer vor lauter Langerweile alle Federn ausgerissen. Auf seinem kleinen Kopfe, da hatter ja noch welche, schön siehter ja nicht grade aus, son nackiges Tierche. Pfui schäm dich, Schacko, dreh dich mal um, und der schämt sich noch nicht emal! Aber ich denke: »Gehster mal mit zum Tierarzt, der kann ja auch nichts machen.« Und da sag ich: »Herr Doktor, Sie werden sicher denken, son nackiges Tierche, isser auch. Der hat sich nämlich alle Federn ausgerissen. Weil unser Vater doch so hat leiden müssen, ehr daß der starb; und da hat der abends immer Licht angehabt, weil der nicht hat schlafen können, und da hat das Tierche auch nicht schlafen können, weil der immer Licht angehabt hat, son armes Tierche; und da hat der sich aus lauter Kummer vor Langerweile alle Federn ausgerissen. Auf seinem kleinen Kopfe, da hatterja noch welche, schön siehter ja nicht grade aus, son nackiges Tierche. Pfui, schäm dich, Schacko, dreh dich mal um, und der schämt sich noch nicht emal!« »Ja«, sagt da der Tierarzt, »da kann ich auch nichts machen, ich bin nämlich Tierarzt. Wenn der sich alle Federn ausreißt, daß da keine wachsen können, dann hauer eben keine. Schön siehter ja nicht grade aus, son nackiges Tierche, pfui schäm dich, Schacko, dreh dich mal um, und der schämt sich noch nicht emal. Auf seinem kleinen Kopfe, da hatterja noch welche. Aber da behalten Sien doch zur Erinnerung an Ihren guten Vater, weil der doch so hat leiden müssen, ehr daß er starb.« Und da hab ich ihn behalten zur Erinnerung. Und dabei mag mich das Tierche noch nicht emal, weil ich doch ne Frau bin, weils doch ein Weibchen ist, das riecht der. Das nennt man bei den Tieren Instinkt, weil man doch nicht Inriecht sagen kann, aber das riecht der. Wenn ich dem zum Beispiel das Köpfchen kraule, dann beißt der mich. Wenn Sie dem aber das Köpfchen kraulen, dann gibt er Ihnen Küßchen, weil Sie doch ein Mann sind, weils doch ein Weibchen ist. Sag mal Schacko, soll Dir der Rudolf mal das Köpfchen kraulen, oder ist es der Otto? Die älteren Herren nennter nämlich: »Der Rudolf«, die jüngeren der Otto, weils doch ein Papagei ist. Sag mal Schacko, ist es der Rudolf, oder ist es der Otto? »Derrr Rruudolf«! Hören Sie, er sagt: »Der Rudolf«, son liebes Tierche! [Fortsetzung auf Seite 2] Quelle: Kurt Schwitters. Um 1926. Zitiert nach Friedhelm Lach (Hg.): Kurt Schwitters. Das literarische Werk. Bde 1 – 5. DuMont Buchverlag Köln 1974 - 1988. Bd. 2. Köln 1974. S. 289ff |
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