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| Am folgenden Abend gab der Deutsche Presseverband ein Essen für die Italiener, zu dem wir von Marinetti persönlich eingeladen worden waren. Moholy wollte die Einladung nicht annehmen. Er wurde von der SS überwacht [...] Aber Kurt Schwitters, der in dieser Zeit unser ständiger Gast war, bestand darauf, zuzusagen, um den Revolutionär in Marinetti zu ehren, und schließlich überredete er Moholy, ihn zu begleiten.
Schwitters war über die politische Strömung zutiefst bekümmert [...]. Außer Hitler waren alle Nazigrößen anwesend: Goebbels und Göring, August Wilhelm von Hohenzollern, der Rektor der Berliner Universität, Gerhart Hauptmann [...]. Diese Würdenträger saßen an einer riesigen hufeisenförmigen Tafel, die subalternen Nazi und die Künstler, auf deren Einladung Marinetti bestanden hatte, an Einzeltischen. Moholy, Schwitters und ich waren eingeklemmt zwischen dem Leiter der nationalsozialistischen Organisation für Volkskultur und dem Leiter von ,Kraft durch Freude'. [...] Moholy schwieg. Sein Gesicht war verschlossen, und als unsere Augen sich trafen, sah ich, dass er voller Ablehnung war. Je mehr Schwitters trank, desto liebenswürdiger betrachtete er seinen Nachbarn. „Ich liebe Sie, Sie Kulturvolk und Freude“, sagte er. „Ehrlich, ich liebe Sie. Sie glauben, ich sei es nicht wert, Ihre Kammer zu teilen, Ihre Kunstkammer für Kraft und Volk, he? Ich bin auch ein Idiot, das kann ich beweisen“. Moholy legte seine Hand fest auf Schwitters' Arm, der ein paar Minuten still blieb, hastig trank und das verblüffte Gesicht seines Nachbarn mit wilden blauen Augen durchforschte. „Sie denken, ich bin ein Dadaist, nicht wahr“, fing er plötzlich wieder an. „Da irrst du dich aber, Bruder. Ich bin MERZ.“ Er schlug sich auf das gefältelte Frackhemd über seinem Herzen. „Ich bin Arier - der große Arier MERZ. Ich kann arisch denken, arisch malen, arisch spucken.“ Er hielt eine schwankende Faust unter des Mannes Nase. „Mit dieser arischen Faust werde ich die Irrtümer meiner Jugend zerschlagen - wenn Sie es wünschen“, fügte er nach einem langen Schluck hinzu. Der ,Kraft-durch-Freude'-Mann reagierte überhaupt nicht, und der Beamte der Volkskultur-Organisation nickte einfältig, die Wangen von Wein und Verblüffung gedunsen. Schwitters fand plötzlich Gefallen an ihm. „0, du fröhliches Mondgesicht“, murmelte er, während ihm Tränen über die Wangen liefen. „Sie werden mir nicht verbieten, meine MERZ-Kunst zu MERZen?“ Das Wort ,verbieten' durchdrang endlich das benebelte Hirn des Mannes. „Verboten ist verboten“, sagte er mit großer Strenge und schwerer Zunge, „und wenn der Führer ja sagt, dann sagt er ja. Und wenn der Führer nein sagt, dann sagt er nein. Heil Hitler!“ Schwitters blickte wild zu Moholy, zu mir, zu Marinetti; aber ehe er jemand zum Handeln bringen konnte, hatte Marinetti sich von seinem Platz erhoben. Er schwankte etwas, und sein Gesicht war purpurrot. [Fortsetzung auf page 2] Quelle: Sibyl Moholy-Nagy: László Moholy-Nagy, ein Totalexperiment. Zitiert nach Gerhard Schaub: Schwitters Anekdoten. Anabas Verlag Frankfurt/ Main 1999. S. 15 - 18 |
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