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| Liebe Frau Müller-Widmann!
Es war einmal ein kleiner Maler, - ich schreibe nämlich gerade Märchen - der wohnte in einem schönen Hause an einer schönen Strasse und neben einem grossen, schönen Walde. Da kam plötzlich aus dem Walde ein böser Wolf, der war sehr stark und wild. Er umkreiste das Haus und wollte partout eindringen, um den Maler zu fressen und seine Werke zu vernichten. Da dachte der kleine Maler: "Friss Du nur meine Werke, die Nägel werden Dir nicht gut bekommen; mich aber sollst Du nicht fressen", und er wartete, bis die Bestie einmal schlief, dann nahm er ein Auto und fuhr hinweg. Er scheute keine Gefahr und fuhr fort, bis zu dem grossen Schiffe, das ihn an eine Küste brachte, wo es keine Wölfe gibt. Dort stieg er aus, und fuhr mit dem kleinen Ruderboote auf eine kleine Insel, wo er nun lebte. Dort wohnte ein Fischer, der ihn mit Fisch und Milch versorgte, und sein Haus baute er aus Brettern, die das gütige Meer für ihn angeschwemmt hatte, und malte, wie die Lerche zwitschert. Aber von Fisch und Milch kann man nicht allein satt werden, da suchte er Pilze und Muscheln und kaufte für sein letztes Geld sich Brot. Und als es Abend war, war auch das Brot aufgegessen. Da kam plötzlich auf dem Meere eine Kiste angeschwommen, die im Abendsonnenschein funkelte. "Sollte diese Kiste wohl aus Basel sein?" dachte der kleine Maler bei sich, und nahm sie an Land. Aber sie war aus Sempach, und darin befand sich ein Brief mit vielen Grüssen und einem richtigen Hundertfrankenschein für ein verkauftes Bild. Der Maler aber sah sich um, ob es wohl auch der böse Wolf nicht bemerkte, dann nahm er ganz heimlich den Schein an sich und kaufte sich dafür eine ganze Brotfabrik. Dann aber ging er ans Meer und dankte ihm dafür, dass es ihm die wunderbare Kiste aus der Schwiez geschickt hatte, damit er sich auf seiner kleinen Insel freuen sollte. Dieses Märchen entbehrt nicht der Grundlage in der Wirklichkeit, und ich muss Ihnen sehr danken, Sie haben mich sehr froh gemacht. Gleichzeitig sende ich Ihnen 3 Fotos von Bildern, die der kleine Maler gemalt und Plastiken, die er modelliert hat. Ihnen und Ihrem Mann, sowie Hans Arp und seiner Frau herzlichste Grüsse sendet Ihr MERZ. Quelle: Kurt Schwitters. 1937. Zitiert nach Gerhard Schaub: Kurt Schwitters und die ‘andere’ Schweiz. Unveröffentlichte Briefe aus dem Exil. Fannei & Walz Berlin 1998. S. 28/ 29 |
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