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| Hannovers erste Merz-Matinee
ging am 29. Dezember 1923 vor sich, in den Räumen des Etablissements Tivoli. Die Veranstalter, Herr Kurt Schwitters, Hannover-Waldhausen, und Herr Raoul Hausmann, Berlin, abhold jeder lauten Reklame, hatten an ihre Freunde und positiven Bewunderer Einladungen verschickt, denen aber nur wenige gefolgt waren. So sah man nur den aus früheren DADA-Abenden bekannten Kreis, in dem man u. a. bemerkte: den Gottsucher Herrn Prof. V. C. Habicht, die Galerie Garvens (auf räumlich sehr weit getrennten Plätzen), die Bankiers Basse und Stein, den Maler Gleichmann nebst Gemahlin, den Jazz-band-captain Hans Dancker und als bedeutendste Person den Bürgervorsteher und Landtagsabgeordneten Iwan Katz, der symbolisch eine rote Weste trägt und alles >in englischen Pfunden, in Gold< bezahlt. Der philosophisch durchtränkte Poete und Oberlehrer Hans Havemann fehlte in der illüstren Gemeinde. Er liebt nicht die Weisen, die ihn an sein bestes Werk erinnern. Nachdem man seiner Aufforderung, doch näher an die Bühne zu rücken, es sei dann gemütlicher, gefolgt war (und siehe, die Anwesenden füllten gerade die vier Reihen der Orchesterfauteuils), nahm Kurt Schwitters das Wort zu einer Begrüßung und Einleitung. Er stellte den Unterschied klar zwischen DADA und Merz - welche Kluft trennt beide Begriffe! -, sprach die schmählich betrogene Hoffnung aus, in seinen Hörern DADA zu wecken, und gab sich selbst das Versprechen, auf alle Fälle sich zu freuen, komme oder komme nicht, was da wolle. Seine Ansprache gipfelte in dem Hymnus >Freude, schöner Götterfunken< - und auch hier verfehlten die zündenden Worte unseres Schiller nicht ihre begeisternde Wirkung. Kaum war der Beifall verrauscht, erschien Herr Raoul Hausmann, stellte sich artig vor »mein Name ist Raoul Hausmann« und legte Mantel ab und Hut und Stock und tätigte das Manifest der Urlaute, in dem unanständig viel die Rede war von Margarine und Seele. Dann zog er auch noch den Rock aus und tanzte zu den Klängen eines Rag-time seinen Wang-wang, Rainbow oder irgend etwas anderes. Und nun ging es Schlag auf Schlag: Bald war Kuwitter auf der Bühne, bald im Rang oder Parkett. Man hörte Lautgedichte ohne Sinn, dramatische Szenen in der Art des jungen Holländers Jan van Mehan (Hans Havemann). >Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht< melodramatisch zu der Melodie >Guter Mond, du gehst< usw. usw. Raoul Hausmann brüllte zwischendurch seine Gedichte und tanzte wild mit einer Grazie, zu der seine fast polizeiwidrige Visage zwar in keinem Gegensatz stand, doch sehr gut paßte. Er tanzt so, wie Ringelnatz dichtet. Dank der quasi wissenschaftlichen Anteilnahme des Publikums (und Merz gehört noch nicht in die Kulturgeschichte) kam das Ende überraschend schnell. War in der Pause es den Vereinten Bemühungen vieler schöner Frauen gelungen, aus Schwitters' treu blauen Augen sanft quellende Tränen im Keime zu ersticken, war alle Anstrengung jetzt umsonst. »Es ist zu kalt«, meinte der Erfinder des Merz. Und dann gingen wir Schlittschuhlaufen. Quelle: Kurt Schwitters. Zitiert nach Friedhelm Lach (Hg.): Kurt Schwitters. Das literarische Werk. Bde 1 – 5. DuMont Buchverlag Köln 1974 – 1988. Bd. 5. Köln 1981. S. 185 |
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