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| >BLOK< hat mich gebeten, einen Artikel über den Dadaismus zu schreiben; einleitend muß ich bemerken, daß ich in Wirklichkeit gar nicht Dadaist bin. Denn der Dadaismus - der nur ein bestimmtes Mittel, ein Instrument ist - kann nicht das Wesen einer Person ausmachen, wie z. B. eine Weltanschauung. Der Dadaismus ist aus einer bestimmten Weltanschauung entstanden, jedenfalls nicht aus einer dadaistischen, sondern aus einer reformatorischen. Der Dadaismus Dadá (ich bitte dabei, die besondere Aufmerksamkeit auf den Akzent zu lenken) ist das beste Mittel, um die festgefügte, gedankenlose Tradition, die bisherige Weltordnung (dáda) lächerlich zu machen. Hier haben die rücksichtslose Opposition der Tradition und die aus ihr entstandenen Handlungen, die sich gegen eine Verhöhnung durch den Dadaismus wehren, ihren Ursprung. Dadá ist ein Spiegelbild des ursprünglichen Dáda; deshalb hat sich der Akzent gewöhnlich auf die zweite Silbe verschoben, so geschieht das mit einem Spiegelbild (rechts-links).
Der Dadaismus spiegelt sowohl Altes wie Neues, ebenso Junges wie Veraltetes wider und erprobt dadurch seine Kraft. Was stark ist, wird sich trotz Dadá behaupten, das Schwache muß so oder so untergehen. Dadá ist sogar gnädig, denn er trägt mit seinem bescheidenen Teil dazu bei, daß der zum Sterben Verurteilte schneller stirbt. Dadá ist aber kein Sterbegesang, er ist vielmehr ein fröhliches, buntes Spiel, ein göttliches Vergnügen. Im Himmel und im Dadá ist alles gleich; nirgends sonst gibt es einen solchen Zustand. Hieraus strömt auch die Freude der Zuschauer und Hörer auf den Dadá-Abenden, denn alle sehen zugleich ihre eigene Dummheit. Dadá ist eher eine Evolution als eine Revolution. Nach diesen Vorbehalten: Aber natürlich bin ich insofern Dadaist, als ich diesen Apparat genau kenne und ihn oft der Menschheit vor Augen halte. Und die Menschheit sieht sich dann im Spiegel wieder! Dann wird es schlecht. Wenn Dadá und die Seele zusammentreffen, wittert die Seele sofort einen Todfeind und eröffnet den Kampf. Nur, daß die kämpfenden Seelen für sich allein eine aussichtslose Sache sind, ihr Kampf also zwecklos ist. Die Seele, die bisher auf den Abwegen des Transzendentalismus umherirrte, empört sich sobald sie ihr Spiegelbild im Dadá natürlich umgekehrt sieht. Es begegnen sich dann plötzlich eine falsche Scheinheiligkeit und ein unaufrichtiges Pathos mit einem aufrichtigen Sarkasmus. Die Folge davon ist die gleiche, wie wenn man einen stark aufgepumpten Ballon mit einer Stecknadel durchsticht: Die Luft - ich wollte sagen: Die Seele entflieht. [... Fortsetzung nächste Seite ...] Quelle: Kurt Schwitters. Der Dadaismus. 1924 Zitiert nach Friedhelm Lach (Hg.): Kurt Schwitters. Das literarische Werk. Bde 1 – 5. DuMont Buchverlag Köln 1974 - 1988. Bd. 5. Köln 1981. S. 193 ff |
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