1923 - 1924
Kijk eens, wij sijn ... nicht dada, sondern MERZ
    Merz ist Konsequenz.
Merz bedeutet Beziehungen schaffen, am liebsten zwischen allen Dingen der Welt.
 
 
 
  1921 - 1922  
 
  1925 - 1926  
 
 
  Merz ist Weltanschauung. Sein Wesen ist absolute Unbefangenheit, vollständige Unvoreingenommenheit. Darauf beruht die Art, im Sinne von Merz zu schaffen. In keinem Augenblick, des Schaffens gibt es für den Künstler Hemmungen, Vorurteile. In jedem Stadium vor der Vollendung ist das Werk für den Künstler nur Material für die nächste Stufe der Gestaltung. Nie ist ein bestimmtes Ziel erstrebt außer der Konsequenz des Gestaltens an sich.
Das Material ist bestimmt, hat Gesetze, hat Vorschriften für den Künstler, das Ziel nicht. Die Konsequenz beaufsichtigt das Schaffen. Entscheidend bei Beurteilung der Qualität eines Werkes ist der Grad der erzielten Konsequenz im Schaffen. Ist der Künstler zu größerer Konsequenz fähig, so hat er auch die Pflicht dazu. Unfähigkeit entschuldigt nicht, denn ein Mindestmaß von Können ist für jeden Künstler notwendig. Nach der inneren Konsequenz seines Kollegen zu arbeiten, heißt Imitation.
Imitatoren glauben es ebenso gut zu machen, wie das kopierte Original. Nur fehlt ihnen das, worauf es allein ankommt, das Schöpfertum, die elementare Kraft, mit der der originelle Künstler schafft. Das Publikum fürchtet nichts so sehr, wie elementare Kraft, die es stets wittert. Denn elementare Kraft kann die Ruhe des Publikums stören. Elementare Kraft pflegt man gefangen zu setzen oder zu vernichten. »Wohltätig ist des Feuers Kraft, wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht, doch furchtbar wird die Himmelsmacht, wenn sie der Fessel sich entrafft, einhertritt auf der eigenen Spur, die freie Tochter der Natur.« Darum wurde Christus gekreuzigt, Galilei gefoltert. Das Publikum bewertet den Imitator höher als das Original, weil es mit feinem Instinkt die Abwesenheit alles Elementaren erkennt. An der Kraft der Ablehnung, an der Größe der Empörung des Publikums erkennt der Künstler die elementare Kraft seiner Werke. An dem Grade der Zuneigung eines großen Publikums zu einem Künstler erkennt der Kluge den Grad der Imitation in den Werken dieses Künstlers. Der absolute Imitator, der Kitscher, hat die meisten Freunde beim Publikum, bei seinen Werken fühlt das große Publikum sich so heimisch, so zu Hause, so unter sich, es fühlt sich zufrieden. Statt des Imitators schlägt es lieber die elementare Kraft tot: »Kreuzige, kreuzige!« Doch das ist Täuschung, denn es kann zwar den Künstler, nicht die Kraft totschlagen. Elementare Kraft tritt nie vereinzelt auf, sie wächst aus der Zeit hier und da. Schlagt Ihr den Einen tot, so leben noch Hundert. Merz ist Konsequenz. Merz bedeutet Beziehungen schaffen, am liebsten zwischen allen Dingen der Welt.


Quelle:
Kurt Schwitters. Merz. 1924.
Zitiert nach Friedhelm Lach (Hg.): Kurt Schwitters. Das literarische Werk. Bde 1 – 5 Köln 1974 - 1988. Bd. 5. Köln 1981. S. 187
 
 
  Merz (1924)  
  Merz ist Weltanschauung  
 
 
 
   
 1923 - 1924