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| DAS PUBLIKUM
(in instinktmäßig naivem Entzücken über die schreiend bunten Farben des Transparents:) Ah! - Ah! (Gelächter, Kichern der Damen) - Äh! - äh - äh - Wie? Was soll das? - (die behäbige Stimme:) »Aus« regiert übrigens den Dativ! - (der Aufgeregte:) Nicht einmal die Orthographie ist richtig! - (eine Damenstimme:) Kann man wirklich aus Damenhüten moderne Herrenhüte pressen? (eine andere Damenstimme:) Wo ist denn das Geschäft? (der Aufgeregte:) Blödsinn ists! Vollkommener Blödsinn!! - (die Fistelstimme:) Anna Blume! - (die bebrillte Stimme:) Ruhe, meine Herrschaften! Merken Sie nicht, es ist eine Metapher: Aus alten Formen erstehen neue - äh äh - oder wie? - Herr Schwitters! - Herr Schwitters!! Donnerwetter, machen Sie doch mal Licht! - Man sieht ja nichts! Wo sind Sie denn eigentlich? - (das transparente Plakat verschwindet) - Licht! - (allgemeiner Ruf:) Licht!! - (Bühne und Zuschauerraum werden hell) (die bebrillte Stimme:) Endlich! - - Also nun, Herr Schwitters erklären Sie uns - (sehr eilig:) ach nein, sagen Sie nicht wieder, Kunst läßt sich nicht erklären - also sagen Sie einfach: Was war das? - SCHWITTERS Das gewünschte Beispiel einer Merzbühnenaufführung. - Ich verwendete der Deutlichkeit halber so wenig Material als möglich, denn wie für die Merzbühne jedes Material verwendbar ist, so kann man auch auf jedes Material verzichten, zum Beispiel auch auf die Logik der Handlung. In diesem Falle ist der Charakter der Merzbühnenhandlung abstrakt. Das Auslöschen des Lichtes war an sich schon eine schöpferische Handlung, die, (lächelnd) wie Sie wohl bemerkten, auf das Publikum selbsttätig schöpferisch einwirkte und die verschiedensten Stimmungen auslöste. Diese Einwirkung hätte sich bei längerer Dauer dramatisch steigern lassen über Unruhe und Gelächter bis zum Unbehagen und Zorn, und, wenn etwa das Moment geschlossener Türen hinzugekommen wäre, bis zu Schrecken und Panik. Wenn Sie entgegnen wollen, daß das Auslöschen des Lichtes eine einmalige Handlung sei, der die Dunkelheit als Zustand folge, der nicht mehr als Handlung bezeichnet werden könne, so ist zu erwidern, daß jeder Zustand als latente Handlung anzusehen ist, solange er den Wunsch nach Änderung des Zustandes anregt. Es liegt nun in der Hand des Merzers, das durch das Verdunkeln des Lichtes selbsttätig entstandene dramatische Moment bis zu demjenigen Wirkungsgrade auszunutzen, den er künstlerisch für geboten hält. Ich hätte also unter Ausnutzung nur dieses Lichtmaterials mein Beispiel einer Merzbühnenaufführung zu Ende führen können. Nur die Überzeugung, in diesem Falle völlig mißverstanden zu werden - was an sich bei einem Kunstwerk zwar völlig gleichgültig ist, hier aber der Absicht nicht entsprach - veranlaßte mich, weiteres Material dramatisch zu verwenden. Da ich den Wunsch nach einem Beispiel vorausgesehen hatte, war ich vorbereitet. Ich nahm ein beliebiges Plakat - für die Dame, die sich nach dem Geschäft erkundigte, sei bemerkt, daß dieses Plakat wirklich in einem Geschäft in der Osterstraße zu Hannover existiert - und verwandte es. Die Wirkungen, die das hinzutretende zweite Material ausübte, haben Sie beobachten können. Es übte sie in absoluter Selbständigkeit aus unter Mitbenutzung der früher vorhandenen Faktoren: Raum, Licht und Publikum. Sobald seine Wirkung erschöpft war, das heißt dem Publikum keine weitere Deutungsmöglichkeit mehr einfiel, riefen Sie selbst nach Beendigung des Beispiels, der ich als Merzer stattgab, da sie meinen Wünschen entsprach. Im anderen Falle konnte ich so lange neue Materialien einführen - Künstler, Darsteller oder sogenannte tote Materialien - als ich mich im Einklang mit dem Kunstwerk (das Publikum ebenfalls als Teil des Kunstwerkes gerechnet) und meinen Absichten befand. DAS PUBLIKUM (die bebrillte Stimme:) So hatte das Plakat als solches nicht eine metaphorische Bedeutung und Beziehung auf Ihre neuen Merzbühnenideen? SCHWITTERS Doch! Von dem Augenblick an, wo Sie sie hineinlegten, wenigstens bestimmt. DAS PUBLIKUM (die bebrillte Stimme:) Zugegeben, da schließlich jeder ein Kunstwerk unter seinem eigenen Gesichtswinkel betrachtet. - Aber Sie sagten vorhin, das Merzbühnenwerk könne auf die Logik der Handlung verzichten. Wie ist das möglich, daß dann noch ein Kunstwerk entsteht? - SCHWITTERS Die Logik der Handlung ist für die psychische Wirkung nicht von entscheidender Bedeutung. Sie ist nur eines von tausend Kunstmitteln, noch dazu eines, das derart abgegriffen ist, daß Unlogik weit stärkere Wirkungen auszulösen imstande ist. Bei einem Kunstwerk aber kommt es nur auf die Logik des Kunstwerkes selber an, für die der Merzer verantwortlich ist. Diese wird lediglich durch die psychischen Wirkungen erreicht, die das Kunstwerk auszulösen vermag. DAS PUBLIKUM (die bebrillte Stimme:) Sie denken dabei an psychische Wirkungen im Sinne des Goethewortes: »Denn ein vollkommener Widerspruch bleibt gleich geheimnisvoll für Kluge wie für Toren.«? SCHWITTERS Nicht auf das Geheimnisvolle, sondern nur auf die schöpferische Kraft kommt es beim Kunstwerk an. [Fortsetzung auf Seite 5] |
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