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| Liebe Frau Professor Müller!
[...] Ich wohne nach wie vor in Lysaker. Zwar soll ich sobald wie möglich das Land verlassen. Da es aber zur Zeit nicht möglich ist, lässt man mich hier. Das ist natürlich stets etwas aufregend, und man kommt schwer zur Konzentration, die für die Arbeit nötig ist. Aber ich versuche nicht daran zu denken, und das Merzen ist mir ja fürs Leben so wichtig, wie Essen und Trinken. Da ich nun so unsicher bin, habe ich allerdings andere Arbeiten vorgenommen. Ich sarge meine besten Bilder eine, damit sie für eine vielleicht bessere Zeit erhalten bleiben, wenn das Schicksal das so bestimmt haben sollte. Dann arbeite ich weiter an angefangenen Bildern und Plastiken, weil diese ja transportabel sind. Am Atelier arbeite ich meist nur solche Sachen, dass es besser dem Schnee, Wasser, der Sonne trotzen kann, wenn ich fortmuss und meine besten Arbeiten aller Zeiten darin zurücklassen muss. Wenn ich weiter hier und da an der Komposition arbeite, so nur, um selbst davon innerlich zu profitieren. Für später habe ich mir vorgenommen, Stück für Stück die Teile der plastischen Komposition auseinanderzusägen, sodass sie einzeln tranzportiert werden können. Denn selbst wenn ich per Malheur ewig hier bleiben könnte, fände sich ausser meiner Familie hier in den nächsten tausend Jahren niemand, der den Sinn dieser Arbeit begreifen könnte. Das Atelier muß einmal in südlicher Richtung auswandern. Hier gedeihen gut Eis und Schnee. Jetzt, wo wir hier 15 Kältegrade haben, ist z.B. in Nordnorwegen 0 Grad, und Sie haben sicher das schönste Tauwetter in Basel. Weiter habe ich schöne neue Arbeiten gemacht, besonders Merzzeichnungen, die gleich nach ihrer Geburt eingesargt werden. Ich arbeite auch meine Gedichte durch, und sende sie Helma nach H [annover]. Leider kann sie nicht hierherkommen, weil sie nicht aus D[eutschland] herauskommt. So komme ich aber mehr zur Dichtung, denn ich weiss, da ist jemand, der gern diese Arbeiten liest. Sollten Sie auch gern einmal zwischendurch neue Dichtungen von mir lesen, so könnte ich sie Ihnen und Tschicholds gern auf Verlangen einmal senden. Dann Dann, es war das Wort aus Versehen in die falsche Zeile gekommen, dann kommt meine Musik. Ich habe mir nun einmal vorgenommen, entsprechend meiner Lautsonate auch für Klavier zu komponieren. Ich studiere mit allem Eifer Harmonielehre, da ich einsehe, dass es nicht möglich ist, zu komponieren, ohne sie zu kennen. Meine Kompositionen sind aber teils unmöglich, teils trivial. Dadurch unterscheiden sie sich ja nicht von meinen Dichtungen, aber dass es Schubert wird, wäre nicht nötig gewesen. Mir fehlt noch zuviel Theorie, oder besser gesagt, ich habe davon zuwenig. Und schließlich halte ich Haus. Ich wohne z.Zt. mit meinem Sohn und dessen Frau Esther zusammen. Da sie nun am Tage arbeitet, weil wir ja keine Arbeitserlaubnis haben, so reinige ich die Wohnung und koche Mittag essen. Aber ich bin sehr froh, dass wir 3 zusammenleben. Nun zu Ihnen. Ich hoffe, Sie haben es verhältnismäßig gut. Schreiben Sie doch bitte einmal, ob Sie wieder wohl sind, und wie es sich in so unruhigen Zeiten in der Dreiländerecke lebt. Ich käme so gern einmal wieder zu Ihnen, und es müsste Frieden, Sonnenschein und Frühling sein, und alle guten Freunde müssten dabei sein. Das wäre ein kleiner Vorgeschmack aufs Paradies. Nun verleben Sie gut Weihnachten und kommen Sie gut in ein besseres neues Jahr. Dieses wünscht Ihnen und Ihrem Mann von Herzen Ihr - Kurt Schwitters. - Quelle: Zitiert nach Gerhard Schaub: Kurt Schwitters und die ‘andere’ Schweiz. Unveröffentlichte Briefe aus dem Exil. Berlin 1998. S. 36/ 37 |
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