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Ich soll hier sagen, was ich von der Zukunft der Kunst hielte. Sie wissen mein Urteil schon. Sie wird stets in gleicher Frische leben, weil sie das Resultat eines prozentual gleichmäßig vorkommenden Triebes ist. Und dieser Trieb ist nicht auszurotten, weil jene Art verfeinerter, sensibler und degenerierter Menschen nicht ausstirbt. In welcher Form sich aber dieser Trieb äußern wird, ist nicht vorauszusagen, nur wird er sich sicher anders äußern, als man vorher vermutet. Denn Kunst ist stets ein Geschaffenes, und man kann nicht immer wieder dasselbe schaffen. Und andererseits braucht ein durchaus richtiges Ding, wie es der Ingenieur oder der Architekt schafft, nicht unbedingt Kunst zu sein, weil der Zweck nicht der der Kunst ist, nämlich: rhythmische Gestaltung.
Ob nun die Kunst im sozialen Staate noch Zweck hätte? Sie kennen meine Antwort schon. Für die Kunst ist es ganz gleichgültig, welche Form der Staat hat, denn sie ist das Resultat eines Triebes. Ob nun der soziale Staat die Kunst besonders pflegt oder vernachlässigt, das kann ich als Künstler nicht wissen. Jedenfalls ist es keine besondere Kunstpflege, wenn etwa Bilder und Filme im sozialen Staate sozialen Inhalt bekommen, wie auch der national bürgerliche Inhalt ehemaliger Bilder nicht Kunstpflege war. Einen das Soziale fördernden Zweck kann die Kunst nie haben, da sie sich ihrem Wesen nach nur um die Gestaltung kümmert. Aber man darf deshalb nun nicht den allgemein menschlichen Wert der Kunst auch im sozialen Staate unterschätzen. Denn gerade die Beschäftigung mit den Dingen. die nicht direkt notwendig sind für die wichtigsten Erfordernisse des Lebens, macht den Menschen frei von den kleinen Dingen des Alltags, erhebt den Menschen über sich selbst und seine Leidenschaften. Das künstlerische Werten. das in Beziehungsetzen der Werte eines Kunstwerkes, das zunächst zwecklos erscheint, das Schaffen von Rhythmus und das Nachempfinden solcher Tätigkeiten, ist eine Übung und Stärkung für den Geist, die dieser in unserer so nüchternen und auf das Reale gerichteten Zeit so nötig hat, wie der Körper den Sport. Und nicht nur die Athleten, sondern gerade die Schwachen sollten ihren Körper durch Sport stärken; und so sollten gerade die kunstfremdesten Rationalisten ihren Geist durch Beschäftigung mit der zwecklosen Kunst elastisch erhalten.
Quelle:
Kurt Schwitters. 1926.
Zitiert nach Friedhelm Lach (Hg.): Kurt Schwitters. Das literarische Werk. Bde 1 – 5. DuMont Buchverlag Köln 1974 – 1988.
Bd. 5. Köln 1981. S. 236 - 240
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Kunst und Zeiten |
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Die Ursache der Kunst, sie ist ein Trieb, wie der Trieb, zu leben, zu essen, zu lieben. |
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