Kurt Schwitters
Es ist schon immer in meinem ganzen Leben mein Bestreben gewesen, anderen immer nur Freude zu bereiten
    Daten aus meinem Leben
 
 
 
   
 
  Das Werk  
 
 
  Daten aus meinem Leben

Es ist nicht gerade interessant, aus seinem Leben Daten zu schreiben, man kann nicht lügen, man hat nichts von Bedeutung erlebt, und man lebt doch. Ist es nicht gänzlich gleichgültig, wann ich geboren bin, außer für die Wahrsager. Aber ich gehöre nicht zu den Propheten, und ich glaube nicht daran, daß man aus den Linien der Hand, der Minute der Geburt, den Ereignissen des Lebens auf den Menschen schließen kann. Der wird immer anders, als man prophezeien kann. Hat man doch zum Beispiel meiner Mutter, als ich drei Jahre alt war, prophezeit, ich würde bald sterben, noch als Kind. Jetzt bin ich 39 Jahre und lebe noch. Allerdings werde ich jedes Jahr ein Jahr älter, und ich prophezeie es jedem Menschen, daß auch er jedes Jahr ein Jahr älter wird, falls er nicht sterben tut.
Für die anderen Propheten gebe ich als Material, daß ich am 20. Juni 1887 geboren bin, leider etwas zu früh, denn ich erlebe meine Gottähnlichkeit nun nicht mehr. Aber wir Menschen sind alle zu früh geboren. Man kann ja später mal wiederkommen und dann seinen Ruhm genießen. Ich bin zum Beispiel der festen Überzeugung daß ich früher einmal als Rembrandt van Rijn gelebt habe, denn nur die Lumpen sind bescheiden. Und ich kann mich so von ganzem Herzen freuen, wie man mich in dieser Form begeistert verehrt.
Übrigens wollte ich ursprünglich Kutscher werden, um meine Mutter spazieren fahren zu können. Dann hatte ich die Absicht, Physik zu studieren, weil ich dazu noch weniger Begabung habe als zur Malerei. Aber ich entschloß mich zur Kunst und studierte an der Hannoverschen Kunstgewerbeschule, wodurch diese später einmal berühmt wird und eine Tafel erhält: »Hier ruhte usw.« Dann war ich 5 Jahre Musterschüler der Akademie in Dresden, wie es mir schien. Ebenfalls Tafel fällig. Ich lernte bei Bantzer Portraitmalerei, Herr Professor Bantzer ist dadurch Direktor der Akademie in Kassel geworden. Zwischendurch habe ich die Berliner Akademie blamiert, indem ich versuchte, dort als Schüler aufgenommen zu werden. Nach 4 Wochen wurde ich mit dem Begründen entlassen, als wie ich wäre vollständig talentlos. Das Schicksal teile ich mit Menzel. Daraufhin bekam ich ein Meisteratelier in Dresden bei Kühl. Herr wirklicher Geheimer Rat Professor Gotthard Kühl hat sich da in meinem Atelier höchstpersönlich auf meine Palette gesetzt, und wollte mich nun nicht mehr korrigieren. Mich aber regte dieser Vorfall zur abstrakten Malerei an. Die Palette ist mitten durch. Ich ging nun zu Herrn Professor Hegenbarth, um Tiere zu malen und Farbe zu lernen.
Dann kam der Krieg. Ich heiratete und lebe noch in glücklicher Ehe mit Helma, geborene Fischer, mein Schwiegervater ist Prokurist der Hannoverschen Straßenbahn. Vielleicht können Sie daraus einige Schlüsse auf meine Kunst ziehen, wenn auch nur Trugschlüsse. Im Kriege habe ich mich dem Vaterlande und der Kunstgeschichte durch Tapferkeit im Vaterlande erhalten, ich war nur drei Monate Soldat, und zwar auf der Schreibstube. Dann habe ich mich für den nächstliegenden Beruf reklamieren lassen, als Zeichner für Handhebelausrücker und Zahnstangenausrücker für Hillkupplungen auf dem Eisenwerk Wülfel, wo wieder eine Tafel fällig ist.
Sofort bei Ausbruch der großen glorreichen Revolution habe ich gekündigt und lebe nun ganz der Kunst. Zunächst suchte ich aus den Resten ehemaliger Kultur neue Kunstformen aufzubauen. Daraus entstand die Merzmalerei, eine Malerei, die jedes Material verwendet, die Pelikanfarbe ebensogern wie den Müll auf dem Müllhaufen. So erlebte ich die Revolution in der lustigsten Form und gelte als Dadaist, ohne es zu sein. Aber ich konnte deshalb vollständig unbefangen den Dadaismus in Holland einführen.
In Holland lernte ich zum ersten Mal Architektur kennen. Obgleich ich schon einmal im Kriege 2 Semester Architektur studiert hatte. Jetzt habe ich einen Architekturverlag, den Apossverlag, der schon ein Heft von 32 Seiten herausgebracht hat, die Großstadtbauten von Ludwig Hilberseimer, das Sie unbedingt lesen müssen. Auch meine Zeitschrift MERZ, vierter Jahrgang, müssen Sie gelesen haben.
Noch zu erwähnen ist meine außerordentliche Begabung zur Poesie, die ich in der Revolution entdeckte. Da habe ich das bekannte Gedicht an Anna Blume gedichtet. Eine besonders wertvolle Sentenz von mir ist: »Das Weib entzückt durch seine Beine; ich bin ein Mann, ich habe keine.« Wertvoller noch sind meine Lautdichtungen: »Fümmsböwötääzääuu, pögiff, kwiiee.: dedesnnnnrrrrrr, Ii Ee, mpifftillfftoo till, Jüü Kaa. Rinnzekete bee bee nnz krr müü, ziiuu ennze, ziiuu rinnzkrrmüü; rabete bee bee. Rrummpftillff-toooo? . . .« Wenn Sie mehr wissen wollen, die ganze Sonate soll jetzt in Amerika gedruckt werden, Typographie von El Lissitzky. So, nun können Sie sich eine ungefähre Vorstellung machen, Hochachtungsvoll KURT SCHWITTERS.


Quelle: Kurt Schwitters. 1926.
Zitiert nach Friedhelm Lach (Hg.): Kurt Schwitters. Das literarische Werk. Bde 1 – 5. DuMont Buchverlag Köln 1974 - 1988. Bd. 5. Köln 1981. S. 240 - 242
 
 
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