Plastik
Von Dada und Konstruktion zur organischen Form
    Schloß und Kathedrale mit Hofbrunnen
 
 
 
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  Schloß und Kathedrale mit Hofbrunnen

Als meine Frau den Entwurf vom Photographen abholte, mußte sie ihn offen tragen, weil die Spitzen des Kiefernstumpfes, der den gotischen Dom darstellt, schon sehr mürbe sind. In der Straßenbahn wurde der Entwurf neugierig von den Fahrgästen betrachtet. Schließlich ermutigte sich der Schaffner zu fragen, was denn das eigentlich sein sollte. Meine Frau sagte ausweichend, es wäre ein Schloß, eine Kirche und ein Brunnen, und ihr Junge hätte das zusammengenagelt. Darauf sagte der Schaffner, es wäre sehr schön, das hätte er sich wohl gedacht, und es zeigte eine sehr gesunde Phantasie.
Hätte meine Frau gesagt, daß ich als erwachsener Kunstmaler einen Arzneikork, einen Buchen- und einen Kiefernstumpf auf ein schräges Brett genagelt hätte, damit das Ganze den Eindruck einer schloßartigen Anlage am Bergabhang mache, und damit ein Architekt seine Phantasie auffrischen könnte, so würde der Schaffner wahrscheinlich gesagt haben, das hätte er sich auch gedacht, aber das zeuge von einer krankhaft gesteigerten Phantasie. Mit Unrecht.
Ich fordere die Merzarchitektur. Diese Forderung gilt in zweierlei Hinsicht: 1. Der Merzentwurf für die Architektur. 2. Die merzliche Verwendung von Architektur für neue Gestaltung.
Der Merzentwurf für die Architektur verwendet jedes beliebige Material nach architektonischem Gefühl, um eine Wirkung zu erzielen, welche die Architektur nachbilden kann. Die Verwendung beliebiger Materialien bedeutet eine Bereicherung der Phantasie. Die Phantasie arbeitet in diesem Falle rhythmisch mit schon gegebenen Rhythmen. Das Transponieren des Entwurfs auf darstellendes Material sowie auf konstruktive Möglichkeiten ist Sache der Durcharbeitung. Der Entwurf gibt die Anregung.
Die Architektur ist an sich auf den Merzgedanken am meisten von allen Kunstgattungen eingestellt.
Merz bedeutet bekanntlich die Verwendung von gegebenem Alten als Material für das neue Kunstwerk. Der Architektur blieb infolge der Schwerfälligkeit des Materials, mit dem man Häuser baut, nichts anderes übrig als stets wieder das Alte zu verwenden und einzubeziehen in den neuen Entwurf. Dadurch sind unendlich reiche und schöne Bauwerke entstanden; indem für den Architekten nicht der Stil des alten Teiles maßgebend war, sondern die Idee des neuen Gesamtkunstwerkes.
In dieser Weise müßten unsere Städte, um ein Beispiel zu nennen, durchgearbeitet werden. Durch vorsichtiges Niederreißen der allerstörendsten Teile, durch Einbeziehen der häßlichen und schönen Häuser in einen übergeordneten Rhythmus, durch richtiges Verteilen der Akzente könnte die Großstadt in ein gewaltiges Merzkunstwerk verwandelt werden. Schon durch Anstreichen ganz Berlins nach dem Plane eines Merzarchitekten, der in großzügiger Weise ganze Stadtviertel wegstreichen und einige wichtige Zentren, die selbstverständlich mit den Verkehrszentren nicht zusammenfallen, durch Licht und Farbe hervorheben würde, wäre der Wille zu dokumentieren, selbst aus der Großstadt ein Merzkunstwerk zu machen. Vielleicht werden wir das Vermerzen von ganz Berlin nicht mehr erleben, aber das Vermerzen von Teilen wäre doch stellenweise künstlerisches Erfordernis.


Quelle:
Kurt Schwitters. 1922.
Zitiert nach Friedhelm Lach (Hg.): Kurt Schwitters. Das literarische Werk. Bde 1 – 5. DuMont Buchverlag Köln 1974 - 1988. Bd. 5. Köln 1981. S. 95
 
 
  Schloß Kathedrale mit Hofbrunnen  
  Architekturmodell oder Plastik um 1922  
 
 
 
   
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