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| Der Ursprung von Merz
Ich hatte einen, was man so nennt, Freund, er war Arzt, sein Name war Schenzinger. Ich sollte ihn portraitieren. Er war dauernd beschäftigt, dauernd arbeitend, und so wollte er auch bei den Sitzungen auf meinem Flügel Klavier spielen. Er sagte, wenn er sich so etwas bewegte, würde ich besser seinen Charakter treffen. Neben mir lag ein Bierfilz. Ich versuchte nun mit Inbrunst, seinen Charakter aus seinen Bewegungen herauszulesen und ihn im Bilde herauszukristallisieren. Er spielte die Mondscheinsonate, letzten Satz. Neben mir lag der Bierfilz. Ich dachte: »Alles kann für alles charakteristisch sein. Wenn es charakteristisch ist. Nur darauf kommt es an. Wenn es nicht charakteristisch ist, dann hat man eben Pech gehabt.« Und ich versuchte herauszufinden, ob seine, Schenzingers, Bewegungen charakteristisch für die Mondscheinsonate waren. Neben mir lag der Bierfilz. Solch ein Bierfilz ist z.B. charakteristisch für ein Bierglas mit Bier und einen Biertrinker, nicht für Dr. Justus Bier, dem Riemen Schneider. Und die runde Form... Plötzlich kam mir eine geniale, vielleicht minder geniale, jedenfalls eine Eingebung. Ich stand auf, bestrich den Bierfilz auf der Rückseite statt mit Kleister mit roter Farbe und klebte ihn damit auf die Wange des Profilbildes, das ich gemalt hatte. Er reichte vom Ohr bis zur Nase, soweit man bei Bildern von Ohr und Nase reden kann. Herr Schenzinger stand plötzlich auf. Die Mondscheinsonate verstummte. Plötzlich fragte Dr. Schenzinger: »Was haben Sie getan?« »Was ich getan habe?« antwortete ich, und meine Stimme zitterte. »Was ich getan habe, habe ich getan«, sagte ich bestimmt. »Sie haben mir den Bierfilz auf die Backe geklebt!« sagte Dr. Schenzinger wütend. »Mit Nichten habe ich den Bierfilz auf die Wange des Bildes, soweit man bei Bildern von Wange reden kann, des Bildes, welches Sie charakterisieren soll, geklebt«, brachte ich mühevoll hervor. »Nehmen Sie ihn ab«, befahl Dr. Schenzinger. »Ich freue mich, daß er drauf sitzt!« »Nehmen Sie den Bierfilz ab.« -»Das tue ich nicht!« »Dann nehme ich ihn ab!« -»Das werden Sie nicht tun, Sie würden die Einheit des Kunstwerkes zerstören.« »Der Bierfilz ist eine Beleidigung für mich.« »Der Bierfilz charakterisiert Sie irgendwie.« »Wie kann mich der Bierfilz charakterisieren?« »Ich kann nicht sagen, wie, aber er tut es, das fühle ich.« »Weil er rund ist?« »Und filzig. Vielleicht.« »Und aus Pappe?« »Weil Sie nicht von Pappe sind.« Da versuchte er eine List und sagte: »Und drückt er vielleicht auch die Mondscheinsonate aus?« »Die Mondscheinsonate? - Die Mondscheinsonate von Dr. Mondschein?« - Ich kenne übrigens Dr. Mondschein, er ist ursprünglich Zahnarzt und arbeitet nach dem Wahlspruch: »Mondschein - schont mein.« »Gut, er mag sie ursprünglich geschrieben haben, jedenfalls den genialen Tipp hat ihr Beethoven gegeben. Wie stehen Sie zu der Frage, ob der Bierfilz Beethoven ausdrückt.« »Mein Herr«, sagte ich, »denken Sie etwa, daß Sie selbst Beethoven ausdrückten? Und das Bild soll ein Portrait Ihres Wesens sein.« Da ging Herr Schenzinger hinaus und schloß hinter sich die Tür. Seit der Zeit waren wir nicht mehr Freunde, besonders als ich das Bild mit dem Bierfilz auf der Bild-Backe als Portrait Dr. Schenzinger ausstellte. Ich malte zu der Zeit ein Portrait Frau Luise Spengemanns, es war Anfang 1919. Hier versuchte ich eine Komposition kleiner Gegenstände, die da im Zimmer herumlagen und versuchte damit ihr Wesen zu charakterisieren. In der Auswahl und Verteilung der farbigen Werte sollte der Charakter begründet sein. Und es gelang über Erwarten gut. Luise Spengemann sagte: »Das bin ich, niemand anders als ich könnte es sein.« Nun dachte ich nach über meine Erfahrungen. Ich hatte versucht Herrn Dr. Schenzinger durch einen einzigen Bierfilz im Zusammenhang mit einer Kopie seiner Gesichtszüge zu charakterisieren. Der Erfolg war, daß das, was für mich eine Charakterisierung zu sein schien, für ihn eine Beleidigung war. Bei Frau Luise Spengemann hatte ich eine Komposition aller Teile des Bildes unternommen, nicht allein einen an sich bildfremden Gegenstand aufmontiert. Dieses Bild traf auch für Sie, Frau Spengemann, Ihr Wesen, Ihren Charakter. Das Wesentliche war die Komposition. Nun machte ich Versuche, Gegenstände, die man als Abfall bezeichnen könnte, weil sie weggeworfen waren, zu komponieren, und fand bald heraus, daß in der Komposition ein überzeugender, ganz allgemeiner Audruck lag. Es war vielleicht übertrieben, daß Frau Luise Spengemann sich selbst in der Komposition ihres Bildes erkennen wollte, und es war vielleicht, sogar ziemlich sicher, falsch, daß ich versuchte, sie in einer Komposition zu charakterisieren. Kompositionen können nur allgemein Ausdruck geben, ein Ausdruck, der vielleicht ähnlich dem eines Menschen ist, etwa wie eine Wolke einem Löwen ähnlich sein kann. Und doch ist die Wolke nur Nebel. Eine Komposition kann aber für dafür empfindliche Menschen einen Ausdruck vermitteln, und eine Komposition von farbigen Werten in der Malerei kann es ebensogut wie eine Komposition von Tönen in der Musik. Beethoven geht sogar weiter, er gibt neben dem Ausdruck ganz deutlich den Eindruck eines Gewitters. Ich denke, Wald. Quelle: Kurt Schwitters. 1942 - 1947. Zitiert nach Friedhelm Lach (Hg.): Kurt Schwitters. Das literarische Werk. Bde 1 – 5. DuMont Buchverlag Köln 1974 – 1988. Bd. 3. Köln 1975. S. 274. |
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