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| Ich war Kurt Schwitters im Jahre 1919 begegnet. Wir trafen uns in Berlin im "Sturm". Als gegen sechs Uhr die Ausstellung geschlossen wurde, gingen wir schräg gegenüber in das Café Josty am Potsdamer Platz. Wir setzten uns an einen der runden Marmorplattentische, die auf geschwungenen Eisenfüßen ruhen, bestellten unseren Kaffee, und Schwitters fragte mich unvermittelt, ob ich mit ihm "merzen" wolle. Ich wußte nicht, was er meinte. Ich glaubte, mich verhört zu haben.
Er zog eine unbeschriebene Postkarte aus der Brusttasche und legte sie auf die Marmorplatte; aus einer anderen Brusttasche holte er Papierfetzen. Er fand einen grünen Straßenbahnfahrschein und zerriss ihn. Eines der Papierstücke, das mit Ziffern und Buchstaben bedruckt war, legte er auf die Postkarte. Dann forderte er mich auf, "weiterzumerzen" und bot mir seinen kleinen Müllhaufen auf der Marmorplatte zur Auswahl an. Ich sah, wie heiter und verspielt dieser Mensch die Grenze der Vernunft überschritt. Ich glaubte, daß es gut wäre, mein Staunen zu verbergen. Unterdessen bemerkte Schwitters, daß er dieses Stückchen Fahrschein auch in die untere Hälfte der Karte hätte merzen können. Das künstlerische Ergebnis wäre anders als jetzt, da er das Papier in das Zentrum der Karte auf die Mittellinie gelegt habe. Ich griff in meine Tasche und fand Streichhölzer; sie waren rot und hatten einen gelben Kopf. Ich sagte zu Schwitters: "Sehen Sie, ich könnte jetzt so merzen, daß ich das erste beste Streichholz in die obere Hälfte, in die linke Ecke lege. Aber - das werde ich nicht tun." Ich nahm ein Streichholz, zündete es an und ließ es zur Hälfte abbrennen. Es bestand nun aus rotem Holz, einem Streifen schwarzer Kohle und einem grauen Kopf aus Asche. "So - ich werde jetzt mit diesem Streichhoz merzen. Teils ist es ein Streichholz, teils war es ein Streichholz - aber mit der Vergangenheit läßt sich nicht merzen - wie mir scheint." Darauf sagte Schwitters: "Ich werde in Ihrem Sinne weitermerzen." Er nahm mir die Zigarette aus dem Mund und streute Asche über die Postkarte. Wir hatten ausgemerzt. Quelle: Georg Muche: Blickpunkt. Sturm. Dada. Bauhaus. Gegenwart. Zitiert nach Gerhard Schaub: Schwitters Anekdoten. Anabas Verlag Frankfurt/ Main 1999. S. 21/ 22 |
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