Kurt Schwitters = Merz
Merz ist Kunst und Nichtkunst
    Kern- und Hülsendadaismus
 
 
 
  Malerei vor der Erfindung von Merz  
 
  Bildende Merzkunst  
 
 
  Hier muß ich den Dadaismus erwähnen, der wie ich den Unsinn kultiviert. Es gibt zwei Gruppen von Dadaisten, die Kern- und die Hülsendadas, welch letztere besonders in Deutschland wohnen. Ursprünglich gab es nur Kerndadaisten, die Hülsendadaisten haben sich von diesem ursprünglichen Kern unter ihrem Führer Hülsenbeck abgeschält und bei der Abspaltung Teile des Kernes mitgerissen. Das Abschälen vollzog sich unter lautem Geheul, Absingen der Marseillaise und Verteilen von Fußtritten mit den Ellenbogen, eine Taktik, deren sich Hülsenbeck noch heute bedient. Der Dadaismus wurde unter Hülsenbeck eine politische Angelegenheit. Das bekannte Manifest des dadaistischen revolutionären Zentralrates Deutschlands verlangt die Einführung des radikalen Kommunismus als dadaistische Forderung. Hülsenbeck schreibt 1920 in seiner Geschichte des Dadaismus bei Steegemann: »Dada ist eine deutsche bolschewistische Angelegenheit.« Das oben erwähnte Zentralratsmanifest fordert ferner »den brutalsten Kampf gegen den Expressionismus«. In der Geschichte des Dadaismus schreibt Hülsenbeck ferner: »Kunst sollte überhaupt mit schweren Prügeln belegt werden.« In der Einleitung des kürzlich erschienenen Dada-Almanachs schreibt Hülsenbeck: »Dada macht eine Art Antikulturpropaganda.« Also der Hülsendadaismus ist politisch orientiert, gegen Kunst und gegen Kultur. Ich bin tolerant und lasse jedem seine Weltanschauung, aber ich muß erwähnen, daß derartige Anschauungen Merz fremd sind. Merz erstrebt aus Prinzip nur die Kunst, weil kein Mensch zween Herren dienen kann.
Aber »die Auffassung der Dadaisten von Dadaismus ist eine sehr verschiedene«, wie Hülsenbeck selbst zugibt. Und so schreibt Tristan Tzara, der Führer der Kerndadaisten im Manifest Dada 1918: »Jeder macht seine Kunst auf seine Art« und ferner »Dada ist das Wahrzeichen der Abstraktion«. Ich muß erwähnen, daß Merz mit dem Kerndadaismus in dieser Fassung und mit der Kunst der Kerndadaisten Hans Arp, den ich besonders liebe, Picabia, Ribémont-Dessaigne und Archipenko eine enge künstlerische Freundschaft verbindet. Hülsendada hat sich nach Hülsenbecks eigenen Worten »zum Hanswurst Gottes gemacht«. Während der Kerndadaismus festhält an den guten alten Traditionen abstrakter Kunst. Hülsendada: »sieht sein Ende voraus und lacht darüber«, während der Kerndadaismus solange leben wird wie die Kunst lebt. Auch Merz erstrebt die Kunst und ist Feind des Kitsches, auch des Kitsches aus Prinzip, selbst wenn er sich unter Hülsenbecks Leitung Dadaismus nennt. Es darf nicht jeder, der nicht die Fähigkeiten besitzt über Kunst zu urteilen, über Kunst schreiben: »quod licet jovi non licet bovi.« Merz lehnt die inkonsequenten und dilettantischen Ansichten über Kunst des Herrn Richard Hülsenbeck grundsätzlich und energisch ab, während es die oben erwähnten Ansichten Tristan Tzaras offiziell anerkennt.
Hier muß ich noch ein Mißverständnis aufklären, welches durch meine Freundschaft zu einigen Kerndadaisten entstehen könnte. Man könnte denken, ich bezeichnete mich selbst als einen Dadaisten, zumal da auf dem Umschlage meiner Gedichtsammlung >Anna Blume<, Verlag Paul Steegemann, das Wort »dada« geschrieben steht. Auf demselben Umschlag ist eine Windmühle, ein Kopf, eine rückfahrende Lokomotive und ein Mann gezeichnet, der in der Luft hängt. Das bedeutet weiter nichts, als daß in der Welt, in der Anna Blume lebt, in der Menschen auf dem Kopfe gehen, Windmühlen sich drehen und Lokomotiven rückwärts fahren, auch dada existiert. Um nicht mißverstanden zu werden, habe ich auf den Umschlag meiner Kathedrale »Antidada« geschrieben. Das bedeutet nicht, daß ich gegen den Dadaismus wäre, sondern daß es in dieser Welt auch eine gegen den Dadaismus gerichtete Strömung gibt. Lokomotiven fahren von hinten und von vorne. Warum soll eine Lokomotive nicht einmal rückwärts fahren?

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Quelle:
Kurt Schwitters. Merz (Für den "Ararat" geschrieben) 1920
Zitiert nach Friedhelm Lach (Hg.): Kurt Schwitters. Das literarische Werk. Bde 1 – 5. DuMont Buchverlag Köln 1974 - 1988.
Bd. 5. Köln 1981. S. 74 ff
 
 
  Merz (1920)  
  Geschrieben für den Ararat  
 
 
 
   
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