Kurt Schwitters = Merz
Merz ist Kunst und Nichtkunst
    Ausdruck von Natur als nächster Schritt zur Merzabstraktion
 
 
 
  Malerei vor der Erfindung von Merz  
 
  Bildende Merzkunst  
 
 
  Ich bitte den Leser um Entschuldigung, daß ich das Abmalen so ausführlich erläutert habe. Ich mußte es, um zu zeigen, daß es Geduldsarbeit ist, gelernt werden kann, wesentlich auf Kontrollieren und Abstimmen beruht und die künstlerische Arbeit des Schaffens verkümmern läßt. Für mich war es wesentlich, das Abstimmen zu lernen, und ich erkannte allmählich, daß Abstimmen der Bildelemente untereinander Zweck der Kunst ist, nicht Mittel zum Zwecke etwa des Kontrollierens.
Der Weg war nicht kurz. Man muß arbeiten, wenn man erkennen will. Und man erkennt nur eine Strecke weit, bis Nebel den Horizont verhüllt. Erst von dort hinten aus kann man wieder weiter erkennen. Und ich glaube, ein Ende gibt es nicht. Die Akademie kann da nicht mehr helfen. Es gibt keine Kontrolle der Erkenntnisse.
Zuerst war es mir möglich mich von der wörtlichen Wiedergabe aller Einzelheiten freizumachen. Ich begnügte mich mit der intensiven Erfassung der Beleuchtungserscheinungen durch skizzenhafte Malerei (lmpressionismus).
In leidenschaftlicher Liebe zur Natur (Liebe ist subjektiv) betonte ich die Hauptbewegungen durch Übertreibung, die Formen durch Beschränkung auf das Wesentlichste und Umrandung, die Töne durch Zerlegen in komplementäre Farben.
Das persönliche Erfassen der Natur schien mir jetzt das Wesentlichste zu sein, Das Bild wurde Vermittler zwischen mir und dem Betrachter. Ich hatte Eindrücke, malte diesen entsprechend ein Bild; das Bild hatte Ausdruck.
Man könnte einen Katechismus der Ausdrucksmittel schreiben, wenn es nicht zwecklos wäre, so zwecklos wie die Absicht, Ausdruck im Kunstwerk zu erzielen. Jede Linie, Farbe, Form hat einen bestimmten Ausdruck. Jede Kombination von Linien, Farben und Formen hat einen bestimmten Ausdruck Der Ausdruck ist nur durch die spezielle Zusammenstellung zu geben, nicht etwa zu übersetzen. Man kann nicht den Ausdruck eines Bildes in Worte fassen, wie man den Ausdruck eines Wortes, etwa des Wortes »und«, nicht malen kann.
Der Ausdruck eines Bildes ist aber doch so wesentlich daß es sich lohnt, ihn konsequent zu erstreben. Jede Absicht, Naturformen wiederzugeben, beeinträchtigt die Kraft der Konsequenz in dem Herausarbeiten eines Ausdrucks. Ich verzichtete auf jede Wiedergabe von Naturelementen und malte nur mit Bildelementen. Dieses sind meine Abstraktionen. Ich stimmte die Elemente des Bildes untereinander ab, immer noch wie damals in der Akademie, aber nicht zum Zwecke der Naturwiedergabe, sondern zum Zwecke des Ausdrucks.

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Quelle:
Kurt Schwitters. Merz (Für den "Ararat" geschrieben) 1920.
Zitiert nach Friedhelm Lach (Hg.): Kurt Schwitters. Das literarische Werk. Bde 1 – 5. DuMont Buchverlag Köln 1974 - 1988.
Bd. 5. Köln 1981. S. 74 ff
 
 
  Merz (1920)  
  Geschrieben für den Ararat  
 
 
 
   
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