Merzdichtung  
Das Prinzip Merz in der Dichtung  
 
 
  Lyrik  
 
  Anna Blume>  
 
 
  Um 1919 beginnt Schwitters auf der Basis expressionistischer Sprachauffassung romantische Motive zu vermerzen: vertraute sprachliche Wendungen und Bilder werden zerlegt in ihre phonetischen und semantischen Werte, gehen untereinander unerwartete Assoziationen ein oder mit anderen, gattungs- oder motivfremden Textfragmenten collagiert.

Waren die Gedichte August Stramms gekennzeichnet durch ein sich gegenseitig verstärkendes Zusammenspiel von Wortform und Wortbedeutung, fallen in den Merzgedichten Klang und Semantik punktuell auseinander, entwickeln sich unabhängig voneinander weiter und bauen eine teils ironische, teils komische oder fantastische Spannung zwischen der klangvollen Rhythmik des Sprachmaterials und der A-Logik des erzählten Inhalts auf: an die Stelle von gesteigertem Ausdruck und allumfassendem Weltgefühl treten Unsinn und Banalitäten.
Die frühen Merzgedichte nehmen einst bedeutungsschwangerer Lyrik ihre Schwere, ersetzen sprachliche Gewaltigkeit durch nüchterne Brüche oder sezierend geschilderte Selbstschlachtung.
Im Verlauf der 20er Jahre kehrt Schwitters zurück zu klassischeren lyrischen Formen. Das Moment der Collage tritt in den Hintergrund, die semantischen Zusammenhänge bleiben eindeutig und werden von weicher klingenden Rhythmen in Reim- oder Balladenform vorgetragen. Das Spiel mit Worten und vertrauten Wendungen (z.B. Sprichworten) ist nun eine der häufigsten Varianten, sprachliche Assoziationen in Bewegung zu setzen.

Merzen bedeutet auch in der Dichtung Wandel und Veränderung: Wiederholungen innerhalb der Gedichte schaffen klare Rhythmen; kleine Variationen zeigen Richtungen auf, in die sich dasselbe sprachliche Material auch entwickeln könnte.
Einzelne Motive, Sätze oder literarische Figuren - das gilt insbesondere für Anna Blume, aber auch für Franz Müller - tauchen in verschiedenen Texten und Zusammenhängen immer wieder auf. Sie führen ein Eigenleben, verwandeln sich und schaffen Beziehungen auch zwischen den in sich geschlossenen Arbeiten.


 
 
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  Merzgedicht 1  
 
 
 
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