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| Schwitters nennt Konkrete Poesie, was als abstrakte Dichtung seit der Jahrhundertwende von Scheerbart über Morgenstern zu STURM und Dada eine kleine Tradition abstrakter Dichtungen ausgebildet hatte. Schwitters entwickelt sie weiter und füllt auch diese mit Momenten von Merz: in eben doch nicht rein abstrakten Lautgedichten wird Gebrauchs-Sprache von allen Konventionen befreit und bis zur Unkenntlichkeit verfremdet; werden nach phonetischer Logik Kompositionen geschaffen, deren semantische Reste spielerisch Assoziationen freisetzen.
In Bild-, Laut-, Elementar- und Simultangedichten wird sprachliches Material auf einzelne Worte, Silben, Buchstaben, Laute und ihre Rhythmik reduziert. Schwitters entkleidet sie ihrer semantischen Bezüge, um ihre Qualitäten als tonale und grafische Zeichen wahrnehmbar werden zu lassen. "Ursonate", "Hustenscherzo", "Cigarren (elemantar)" und Bildgedichte sind abstrakt im Sinn solch einer Konzentration auf elementare sprachliche Werte, im Sinn der "Entgiftung" des alltäglichen Gebrauchs von Sprache und ihrer Neukonstruktion nach künstlerischen Regeln. Konkret sind die Dichtungen, insofern sie nichts als ihr phonetisches und grafisches Material bearbeiten. Schwitters abstrakte Lautdichtungen sind dabei nicht frei von Gegenständlichkeit. Klassisch lyrische Themen wie der Gesang eines Vogels, banale Äußerungen wie Husten oder Niesen, Gebrauchsgegenstände wie Cigarren sind Inhalte, die durchaus bildhaft erzählt werden. Der Titel, ein Begriff, der erst nach und nach auf seine klanglichen Bestandteile hin zerlegt wird, oder auch semantische Erinnerungsspuren in Silben und Lautfolgen stimulieren Assoziationen weit über das phonetische Material hinaus. Bildgedichte thematisieren Buchstaben und Zahlen als grafische Zeichen, die phonetische Qualitäten transportieren. Ihre Anordnung im Bild sowie ihre Ergänzungen um Linien, Kästchen, Häkchen etc. visualisieren den Charakter eines Lautes im konkreten Gedichtzusammenhang. Die Anordnung von Buchstaben als Bild statt als Textzeile ermöglicht eine Vervielfältigung der Lesarten. Das "i-Gedicht" mit seinem schreibschulenartigen Satz "lies: rauf runter rauf, Pünktchen drauf" enthält noch eine ironisch-programmatische Gebrauchsanweisung. In den beiden "AO-Gedichten" aber bleibt offen, ob ein Kästchen als "Kästchen" zu sprechen ist, ob es - äquivalent zum Linienblatt - als Schreib- und Lesehilfe zu werten oder als phonetisches Zeichen zu denken ist. Und es bleibt dem Leser überlassen, wo und wann er Anfang und Ende des Gedichts setzt. Laut- und Bildgedichte sind also trotz - oder gerade wegen - ihrer konsequenten Reduktion besonders offene Dichtungen und Schwitters nutzte sie auch, um die Grenzen zwischen Sprache und Musik, Sprache und Bild, Sprache und Bewegung zu verwischen. Die gemeinsame Grundlage von Sprache und Musik als Formen der Organisation von Klängen wird besonders in der Ursonate, aber auch in den Scherzi und im Simultangedicht offensichtlich: das Simultangedicht ist wie ein Chorgesang für drei gleichzeitig vortragende Stimmen geschrieben. |
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