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| Spätestens ab 1909 verfaßte Schwitters von romantischen Motiven und melancholischer Grundhaltung getragene Gedichte. Sie sind voller Abschiedsstimmung und konventioneller Natursymbolik und muten zuweilen an wie ein Ventil des jungen Studenten in einer von schlichten Sehnsüchten geprägten Situation.
Schwitters scheint sich bewußt gewesen zu sein, daß solch naive Sentimentalität kaum für eine Öffentlichkeit von Interesse sein konnte. Ab etwa 1913 kontrastiert er sein romantisches Schwelgen mit überraschenden pseudo-naturalistischen Wendungen, und löst sie ironisch und in ernüchternden Alltäglichkeiten auf. Schwitters selbst setzt den Beginn seiner dichterischen Arbeit erst für 1917 an. Seine Gedichte waren nun inhaltlich wie formal stark beeinflußt von expressionistischer und futuristischer Lyrik, wie sie im STURM-Kreis um Herwarth Waldens Zeitschrift praktiziert und publiziert wurde. Allumfassendes "Weltgefühl" wurde pathetisch und dynamisch in sprachlich konzentrierter Form beschworen. Steigerung und Verdichtung allen Ausdrucks war das Ziel sprachlicher Neuschöpfungen. Analog zur Autonomie etwa von Farbe in der Malerei faßte die STURM-Theorie Sprache als künstlerisches Material auf, das befreit werden mußte von den Konventionen tradierten Sprachgebrauchs. Lyrik sollte mit Worten Klangrhythmen formen. Die Syntax von Sätzen wurde aufgehoben, auf Artikel und Konjunktionen verzichtet, Worte auf ihren Stamm reduziert, zusammengezogen oder neu zusammengesetzt, Substantive in Verben oder Verben in Substantive verwandelt. Die für Schwitters wichtigsten STURM-Dichter sind August Stramm und Rudolf Blümner. Letzterem widmet er ein dichterisches Porträt, Stramms Name fällt in verschiedenen literarischen Texten. (u.a. Die Zwiebel.) In Gedichten August Stramms hatten die sprachlichen Kompositionen noch die Steigerung der semantischen Gehalte zur Aufgabe. Bei Rudolf Blümner lösten sich Klang und Rhythmus von den Wortinhalten und führten zu abstrakten Dichtungen. Schwitters lehnt sich zunächst sehr eng an den Stil August Stramms an ehe er begann, sein Merz-Prinzip auch für die Dichtung zu entwickeln. Schwitters testet mit Merzgedichten und konkreter Poesie die Grenzen literarischer Gattungen und sprachlicher Möglichkeiten aus. Merz-Gedichte collagieren verschiedene Textsorten ineinander, enthalten prosaische Sentenzen oder erzählen ausführlich, was sonst in metaphorischer Bildlichkeit verschlüsselt war. Freier und ungebundener als die expressionistische Lyrik werden sie zum spielerischen Komponieren mit Worten und Lauten. Die Ursonate besteht schließlich gar nicht mehr aus Worten, sondern fast ausschließlich aus phonetischen Folgen, die musikalischen Kompositionsschemata gehorchen. Bildgedichte visualisieren, daß Buchstaben grafische Zeichen sind und Sprache von Bildlichkeit kaum zu lösen ist. In den späten 20er Jahren wandelt sich Schwitters Dichtung von Sprache und Gattung de- und rekonstruierender zu eher erzählender, betrachtender und mit Worten spielender Lyrik - Schwitters späte Gedichte wirken wie eine lautmalerische Beschau der Welt sowie des eigenen Lebens und Arbeitens. |
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