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| Kurt Schwitters sei ein brav in weißem Stehkragenhemd und dunklem Anzug gekleideter Mann mit Hut gewesen, der auf seinem Fahrrad durch Hannover fuhr; der immer mal anhielt, um Straßenbahnfahrscheine und allerlei anderes Weggeworfenes aus den Gossen zu lesen; der durch den Wald spazierte und Holzstückchen sammelte; der Zeitungen zerriß und Postkarten-Porträts mit Brillen und Schnurrbärten verzierte; der Maschendraht, Ölfilter und Schuhcreme nahm und all das in Bilder klebte, die nun unter anderem im Sprengel Museum Hannover hängen - so brachte Ende der 70er Jahre ein Lehrer in der niedersächsischen Provinz seinen Schülern Schwitters Arbeitsweise und damit ein Element moderner Kunst nahe.
Materialien aller Art, zusammengesammelt, zum oder ins Bild montiert oder geklebt - das sind Assemblagen und Collagen, und sie haben Kurt Schwitters einem breiten Publikum bekannt gemacht. Schwitters selbst hat die nicht klar gegeneinander abgrenzbaren Bezeichnungen Collage und Assemblage nicht verwendet; er nannte sie "Merzzeichnungen" bzw. "Merzbilder", die Technik "Merzmalerei". "Die Merzmalerei bedient sich also nicht nur der Farbe und der Leinwand, des Pinsels, der Palette, sondern aller vom Auge wahrnehmbarer Materialien und aller erforderlichen Werkzeuge." (Kurt Schwitters: Merzmalerei. 1919) "Ich bin Maler und ich nagle meine Bilder" - so soll Schwitters sich vorgestellt haben, als er Raoul Hausmann zum ersten mal begegnete. "Das Merzbild" von 1919 (verschollen) war die programmatische erste Assemblage, mit der Schwitters seine Ideen und Ziele publizierte. Eine Fülle vergleichbarer Arbeiten folgten noch im selben Jahr und bis zu seinem Lebensende hörte Schwitters nie auf, in dieser Technik zu schaffen. Collage war für Schwitters nicht Technik einer kurzen Phase, sondern sie wurde zum Grundprinzip seiner Kunst, denn sie bot geradezu ideale Möglichkeiten, das wichtigste Ziel von Merz zuverwirklichen: sie knüpft Beziehungen zwischen heterogenen Fragmenten "aller erdenklichen Materialien". Die Collagen und Assemblagen vollziehen die stilistischen und biografischen Entwicklungen mit, die Schwitters bis in die 40er Jahre machte. Weisen die frühen Arbeiten in ihrer Rohheit und Dichte verschiedenster Materialien sowie in ihrer an öffentliche Aufrufe und Manifeste erinnernden Komposition expressive dynamische Momente auf, sind sie ab etwa 1923 häufiger geprägt von ruhigeren und klaren Konstruktionen aus eher homogenem und nicht mehr gar so nach Abfall riechendem Material. In den späteren 20er Jahren werden die Formen voller und runder oder die Strukturen zarter. In den 30er Jahren, als Schwitters wieder mehr Zeit in der Natur verbrachte, tauchen vermehrt Objekte wie Federn, Holzrinden, Algen und Steine in den Assemblagen auf. Collagen aus Norwegen verarbeiten auch auffällig viele Fragmente von Briefen und Hinweisen auf Norwegen als Schwitters neuem Lebensmittelpunkt. Die Vorherrschaft solcher von autobiografischen Spuren geprägten Materialien scheint in diesen Arbeiten - entgegen Schwitters ausdrücklichen Intentionen - klare Bedeutungszusammenhänge herzustellen. Die ausgewogenen Kompositionen sind malerischer als in frühen Arbeiten. Sie muten zuweilen kalendarisch an, scheinen stichwort- oder tagebuchartig von Schwitters Leben im Exil zu berichten. Auch in den 40er Jahren bleibt der semantische "Faktor" im Vergleich zu frühen Arbeiten wichtig. Nationalsozialismus, Flucht, Norwegen, aber auch die Entwicklung der Kunst und das Medium des Bildes sind Themen, die über Material oder Titel angesprochen werden. Erzählerische Qualität wird in Collagen in kleinsten Strukturen und der Verarbeitung populären Bildmaterials verfeinert. Gleichzeitig entstehen in den letzten Jahren wieder Assemblagen, die die - nicht immer organische - Materialität von Gegenständen geradezu kreatürlich roh herausstellen. |
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