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| Merzkunst ist Kunst, die jede Form von Material verwendet und nach Prinzipien gestaltet, die in allen Gattungen angewandt werden kann. Innerhalb der bildenden Kunst sind daher von Zeichnungen, Aquarellen, Tafelbildern, Grafiken bis zu Reliefs und Plastiken alle traditionellen Gattungen in Schwitters Werk vertreten und teilweise – am augenfälligsten als Collage und Assemblage - neu interpretiert.
Das oberste Merz-Ziel lautet: "Merz will Beziehungen schaffen." Farbe, Form, Oberfläche, Größe, Proportion, die Position innerhalb des Bildes, der Plastik, des Raumes sind die Elemente, die innerhalb jedes Kunstwerkes miteinander in Beziehung gesetzt sind, die kom-poniert, d.h. zusammengesetzt sind. Der Künstler hat sie aufeinander abgestimmt - gegeneinander gewertet, wie Schwitters es nennt. Merz erlaubt nun, nicht nur die traditionellen künstlerischen Materialien zu verwenden - Kohlestift, Ölfarben, Gips oder Holz -, sondern alles, was bisher nicht zusammengehörte. Jedes vorproduzierte Stück, jedes gefundene Etwas, jeder Kitsch und jeder Müll kann und soll im Kunstwerk neue Beziehungen eingehen, denn die Heterogenität des Materials - Papiere, Stoffe, Hölzer, Steine, Metalle verschiedenster Oberflächenbeschaffenheiten - erhöht die Zahl der Elemente und der Faktoren, aus denen das Werk zusammengesetzt ist und differenziert und vervielfältigt ihre optischen Interaktionen. Wenn Wortfragmente wie MERZ oder KOTS, Maschen- oder Stacheldraht ins Bild montiert oder zur Skulptur geformt werden, verlieren sie die Bedeutungen, die sie in ihren ursprünglichen Kontexten besaßen - Schwitters sagte: sie werden entgiftet - und entwickeln im neuen Zusammenhang ihre eigenen Assoziationen. Dieser Art Bildmaterial verfügt über Eigenschaften, die weit über abbildende Gegenständlichkeit oder abstrakte Farbflächen hinausgehen. Im traditionellen Stilleben wird das Bild einer Vase mit Rosen durch Farbflächen geformt: eine blaue Farbfläche repräsentiert die Vase, eine rote repräsentiert Rosen. Im Merzbild erfüllen ein kaputtes Wagenrad oder Straßenbahnfahrscheine die gleiche Funktion wie das Rot der Rose oder das Blau der Vase: sie sind einzelne Teile eines kompositorischen Ganzen. Sie repräsentieren nicht. Rad und Fahrschein sind nicht mehr Rad und Fahrschein und bleiben es doch. Ihnen haften noch Spuren, Reste, Erinnerungen ihrer ehemaligen Bedeutungen an, aber sie sind nicht mehr eindeutig wie die Vase mit Rosen als Rad oder Fahrschein definiert. So steigert der Materialreichtum von Merzbildern Vieldeutigkeit und Komplexität eines Bildes, erweitert Ausdrucksmöglichkeiten und Reichweite von Kunst: "Merz will Beziehungen schaffen, am liebsten zwischen allen Dingen der Welt." Merzkunst sprengt Grenzen und führt konsequenterweise in ihrer emphatischen Ausrichtung zum Gesamtkunstwerk und zum „Merzgesamtweltbilde“ oder in nüchternerer Interpretation: zur neuen Funktionsbestimmung von Kunst als einem Raum, in dem ungewohnte synästhetische Erfahrungen geübt werden können; Erfahrungen, die dem Menschen für alle Bereiche seines Lebens neue Perspektiven eröffnen können - sei es, um Texte und Werbung, Wohnungen oder Städte brauchbarer zu gestalten oder sei es, um verlernte Freuden über Unsinn und fantastische Welten zu beleben, die vernünftig nicht erklärbar sind. Schwitters Architekturvorstellungen und Bühnentheorien, seine Arbeit als Werbegrafiker und Typograf, der Merzbau und die Merzabende sind Beispiele solcher grenzensprengenden und neue Zusammenhänge aufzeigenden Arbeiten. |
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