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| Kurt Schwitters, geb. am 20.6.1887 in Hannover, gest. am 8.1.1948 in Ambleside/ England, lebte ganz mit, in und für seine Kunst (“Kunst ist ein sonderbares Ding, sie braucht den Künstler ganz”).
Wenn es denn Grenzen zwischen dem Menschen und dem Künstler Kurt Schwitters, zwischen dem Privatmann und seinen öffentlichen Auftritten gab, dann waren diese fließend. Seine Kunstauffassung, die Schwitters MERZ nannte, machte vor nichts halt, auch nicht vor ihm selbst. Er schrieb von aller Wirklichkeit losgelöste, aber auch autobiografische Literatur; machte Briefe an Freunde zu fröhlich-versponnenen Dichtungen und unterzeichnete sie mit "Kurt Schwitters MERZ", einfach "MERZ" oder "Bademerz auf Rügen. Ich beginne eine Flunder zu werden". Und Kurt Schwitters vermerzte seine eigene Biografie. Schwitters Lebensweise war geprägt von scheinbaren Paradoxen, von strikten Prinzipien und einem schalkhaft-erfinderischen Umgang mit ihnen. So war er solider Bürger und Bürgerschreck in einer Person, unterzeichnete etwa als “Bürger und Idiot” im Gästebuch seiner Freundin Käte Steinitz. Sein wichtigstes künstlerisches Ziel, nämlich Verbindungen zwischen Auffassungen und Dingen zu herzustellen, die eigentlich nicht zusammengehören, lebte er selbst. Er hing an “Waldhausen”, Haus der Familie in der Waldhausenstr. 5 in Hannover, den stabilen Dreh- und Angelpunkt seines Lebens und Schaffens. Er wohnte mit Ehefrau Helma und Sohn Ernst im “Biedermeierzimmer” und arbeitete in einem Atelier, das er nach und nach in eine abstrakte Plastik verwandelte. Waldhausen war der Sitz von Schwitters Verlagen, Redaktionen und der Merz-Werbezentrale. Hier empfing er Besuche von befreundeten Vertretern der europäischen Avantgarde und hierher lud er zu Gründungsversammlungen von Künstlervereinigungen oder geselligen Merz-Abenden. Hier schrieb er polemische Artikel über die konservative Kunstkritik und hierher kamen die erbosten Reaktionen seines konsternierten Publikums zurück. Von Waldhausen aus unternahm Schwitters dadaistische Feldzüge in Sachen Kunst sowie unzählige kleinere Reisen aufs Land. Und in Waldhausen sammelte er ebenso Kunstwerke geschätzter Kollegen wie achtlos weggeworfene Dinge, aus denen neue Kunst werden sollte. Die Abfälle einer zerrissenen, von Industrialisierung, politischer und wirtschaftlicher Not, aber auch von Sentimentalität und dem Hang zur Dekadenz geprägten bürgerlichen Gesellschaft boten Schwitters den Stoff, aus dem er Bilder nagelte und Geschichten sponn. Hier blühten seine "Veilchen" und hier proklamierte er die "Revolution in Revon". Seine vielfältigen Kontakte zur künstlerischen Avantgarde gaben ihm gleichzeitig die Möglichkeit, über den begrenzten Horizont der Provinzhauptstadt Hannover hinaus zu schauen. Schwitters war kein bescheidener Mensch (“denn nur die Lumpen sind bescheiden”). Hemmungslos propagierte er den Wert seiner eigenen Werke, verkaufte Collagen, wo er stand und ging, und doch begnügte er sich mit den einfachsten und nötigsten Dingen. Im altmodischen Anzug mit weißem Hemd und Schnürstiefeln reiste er 4. Klasse. Lieber schleppte er Koffer und Mappen selbst als einen Gepäckträger zu bezahlen. Und die Möblierung seines Sommerhäuschens auf der norwegischen Insel Hjertøya bestand aus rohen Kisten und Kästen. Schwitters scheute sich nicht, in der Öffentlichkeit aus dem Rahmen zu fallen; er erregte gern Aufmerksamkeit. Werbung ("werben heißt die aufmerksamkeit auf ein ding lenken") gehörte zu seinen Arbeitsbereichen. Er propagierte seine Kunst und gestaltete Produktwerbung im Sinne seiner künstlerischen Ideen: das Schaffen von klaren Ordnungen zur sachlichen Information und schnellen Orientierung war das Ziel dieser Arbeit. Andererseits liebte Schwitters den Unsinn ("Mir tut der Unsinn leid, daß er bislang so selten künstlerisch geformt wurde, deshalb liebe ich den Unsinn"). Er agierte als Performer und tat dabei alles, um den in Konventionen gefangenen Zeitgenossen ungefilterte emotionale Reaktionen zu entlocken, um sie merken zu lassen, “dass sie menschliche Wesen sind.” Gleichzeitig produzierte Kurt Schwitters Kunst, in die das Publikum sich andächtig versenken sollte, und suchte neben Konfrontation und öffentlichen Auftritten den stillen Rückzug: “ich selbst bin solch ein Veilchen, welches mit Absicht im Verborgenen blüht, weil ich überzeugt bin, daß ich dort schöner dufte.” Schwitters war ein Verfechter der apolitischen autonomen Kunst (“Kunst will nicht beeinflussen und nicht wirken, sondern befreien, vom Leben, von allen Dingen, die den Menschen belasten, wie nationale, politische oder wirtschaftliche Kämpfe”). Unpolitisch aber konnte er nur sein, solange die gesellschaftlichen Bedingungen ihm nicht den Freiraum nahmen, als der kunstschaffende Mensch zu leben, der er war. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 konnte er zwar weiter arbeiten, aber nicht mehr veröffentlichen. Verschiedene Rückzugsversuche - ins Private, in die Arbeit im Verborgenen und in schöne Landschaften in freieren Ländern - hatte Schwitters unternommen bis er 1937 Deutschland verließ. Er ging nach Norwegen, lebte erst dort, dann ab 1940 in England im Exil. Er litt unter der Trennung von Hannover, von seiner Frau und von den vielfältigen künstlerischen Austauschmöglichkeiten, überstand Flucht und Gefangenschaft, aber tat weiter, was er immer getan hatte: Er lebte in engen familiären Bindungen und unterhielt so gut es ging brieflich Kontakte mit Freunden und Kunstkennern. Er reiste, sammelte, klebte, nagelte, malte, verkaufte, dichtete, rezitierte, eckte an und schuf mit den zur Verfügung stehenden Mitteln Beziehungen - “am liebsten zwischen allen Dingen der Welt”. |
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