Kurt Schwitters = Merz  
Merz ist Kunst und Nichtkunst  
 
 
  Malerei vor der Erfindung von Merz  
 
  Bildende Merzkunst>  
 
 
  Merz – das ist die zweite Silbe des gedruckten Wortes Commerzbank.
Kurt Schwitters fertigte bereits seit 1918 Collagen. 1919 entstand eine Arbeit aus Papieren, Holz und Drähten und Farben, in dem auf einem Zeitungsfragment die Silbe "MERZ" auftauchte, die dem Bild den Namen gab: “Sie können es verstehen, daß ich ein Bild mit dem Worte MERZ das MERZbild nannte, wie ich ein Bild mit »und« das und-Bild und ein Bild mit »Arbeiter« das Arbeiterbild nannte. Nun suchte ich, als ich zum ersten Male diese geklebten und genagelten Bilder [...] ausstellte, einen Sammelnamen für diese neue Gattung, da ich meine Bilder nicht einreihen konnte in alte Begriffe, wie Expressionismus, Kubismus, Futurismus oder sonstwie. Ich nannte nun all meine Bilder als Gattung nach dem charakteristischen Bilde MERZbilder.” (Kurt Schwitters. Merz 1927)

Aber MERZ - ein gefundenes Fragment, eingearbeitet in ein Bild – ist mehr als ein zufällig gefundener, klassifizierender Begriff. Es ist ein Vorgang, ein künstlerisches Tun und Verhalten, für das Schwitters das Wort MERZEN offensichtlich passend schien - vielleicht weil es eine ganze Bandbreite semantischer Assoziationen zuläßt, vom Aufbrechen erster Blüten im Frühjahr bis zum Beseitigen unliebsamer Sinngebungen.

Praktisch gesehen bedeutet der Vorgang des Merzens, Materialien verschiedenster Art zu sammeln, aus ihnen auszuwählen und sie zu einem Bild, einer Skulptur oder einem Text zusammenzufügen. Schwitters tat dies, wo er immer er stand und ging: mit offenen Augen und Ohren herumlaufen, Unbeachtetes aufheben, mitnehmen und Dinge, die bisher nichts miteinander zu tun hatten, zu etwas Neuem zusammenzubringen. “So habe ich zunächst Bilder aus dem Material konstruiert, das ich gerade bequem zur Hand hatte, wie Straßenbahnfahrscheine, Garderobemarken, Holzstückchen, Draht, Bindfaden, verbogene Räder, Seidenpapier, Blechdosen, Glassplitter usw. Diese Gegenstände werden, wie sie sind, oder auch verändert in das Bild eingefügt, je nachdem es das Bild verlangt. Sie verlieren durch Wertung gegeneinander ihren individuellen Charakter, ihr Eigengift, werden entmaterialisiert und sind Material für das Bild.” (Kurt Schwitters. Merz 1923)

Mit allen erdenklichen Materialien zu merzen, bedeutete Schwitters keineswegs der Beliebigkeit freien Lauf zu lassen. Zu merzen hieß im Gegenteil, sich strikten gestalterischen Prinzipien zu unterwerfen, die wesentlichen Qualitäten des verwendeten Materials zu erkennen und mit ihnen ein Kunstwerk zu formen.
Die Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten aber, die Schwitters für das Merzen formulierte, waren struktureller Art, so daß sie bei aller abstrakten Strenge auch Freiräume eröffneten.
Merz will Beziehungen schaffen “am liebsten zwischen allen Dingen der Welt” - das war das Ziel aller Merzkunst und das naheliegende Verfahren, dieses Ziel einzulösen, bot die Technik der Collage.
Merzen setzt Gewichte und stellt Balance zwischen den Dingen oder Materialien her, formt Rhythmen und läßt Formen wachsen. Merzen verwandelt den Sinn der Dinge, indem es sie erst zu Materialien degradiert, sie damit von ihren alten Bedeutungen befreit und dann in neue Zusammenhänge stellt. Merzen ist das Bekenntnis zu Vieldeutigkeit und Unfertigkeit und verlangt das konsequente immer-weiter-formen mit den gerade zur Verfügung stehenden Mitteln.

“Das Wort »Merz« hatte keine Bedeutung, als ich es formte. Jetzt hat es die Bedeutung, die ich ihm beigelegt habe. Die Bedeutung des Begriffs »Merz« ändert sich mit der Änderung der Erkenntnis derjenigen, die im Sinne des Begriffs weiterarbeiten.” (Kurt Schwitters. Merz 1920)
Auch Schwitters eigene Definitionen von Merz veränderten sich, und dies nicht gradlinig, sondern voller Paradoxe:
Merz ist die Nutzbarmachung aller erdenklichen Materialien für die Kunst. Merz ist abstrakte Kunst. Merz ist die Vereinigung von Kunst und Nichtkunst zum Merzgesamtweltbilde. Merz kultiviert den Unsinn. Merz ist Konsequenz. Merz ist, aus Scherben Neues zu bauen. Merz schafft Vorstudien zur kollektiven Weltgestaltung. Merz entgiftet. Merz will Befreiung von allen Fesseln. Merz rechnet mit Zufälligkeiten und unbekannten Größen. Merz will Gegensätze ausgleichen. Merz ist ein Standpunkt. Merz ist fröhliches Spiel. Merz ist eine Weltanschauung. Merz ist Kurt Schwitters.
Wenn es eine Entwicklung dessen gibt, was Merz ist, dann ist es die Ausweitung einer bedeutungslosen Bezeichnung eines Bildes auf die Utopie vom “MERZgesamtweltbilde”; und von einer Tätigkeit auf ihren Akteur - Merz erfaßt nicht nur jedes erdenkliche Material, sondern auch den, der den Dingen ihren eigenen Spielraum läßt: "So beherrscht Merz, was man nicht beherrschen kann. Und so ist Merz größer als Merz." (Kurt Schwitters. Merz 1923)
 
 
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  Merzbild 1919  
 
 
  Merzen - wie geht das? -> Biografie: Kurt Schwitters in Hannover  
  Georg Muche erzählt  
 
 
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  Balance herstellen  
  Merzen heißt Gewichte verteilen  
 
 
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  Das Werk ist immer nur Material für die nächste Stufe der Gestaltung  
 
 
  Prinzip Collage -> Idee und Bedeutung des Merzbaus  
  Merzkunst entformelt Materialien und wertet sie gegeneinander  
 
 
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  Geschrieben für den Ararat  
 
 
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  Die Bedeutung des Merzgedankens in der Welt  
 
 
  Merz (1924) -> Biografie: 1923 - 1924  
  Merz ist Weltanschauung  
 
 
  Merz (1926) -> Biografie: 1925 - 1926  
  Merz ist ein Standpunkt  
 
 
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